20. Oktober 2025

Akzeptanz ≠ Kuschelkurs: Ich kann ME hassen und es trotzdem akzeptieren

Vor ein paar Monaten habe ich über radikale Akzeptanz geschrieben – nicht als Wohlfühlmantra mit Dankbarkeitstagebuch und Sonnenuntergang, sondern als nüchterne Arbeitsgrundlage: Diagnose hinlegen, Fakten sortieren, Alltag umbauen. Ich bin pragmatisch, nicht esoterisch. Ich glaube an nachvollziehbare Informationen und an klare Entscheidungen. Also habe ich akzeptiert, weil Widerstand Energie frisst, die ich nicht habe. Und gleichzeitig hasse ich diese Krankheit aus tiefstem Herzen. Beides ist wahr. Beides ist gesund.

Nach diesem Text bekam ich viele Nachrichten: „Ich kann das nicht. Akzeptieren klingt, als müsste ich die Krankheit gut finden.“ Andere schrieben: „Vielleicht habe ich etwas falsch gemacht, und deswegen ist es so weit gekommen.“ Genau an diesem Gedanken sehe ich Menschen zerbrechen. Das ist keine Akzeptanz, das ist Selbstbeschuldigung im hübschen Gewand und sie richtet Schaden an. Aus Studien zu chronischen Erkrankungen wissen wir, dass Selbstbeschuldigung eher mit Angst und Depression zusammenhängt als mit besserer Anpassung. Es macht also nicht stabiler, es macht kleiner.

Was Akzeptanz für mich wirklich heißt

Für mich ist Akzeptanz ein Realitätsabgleich. ME/CFS ist biologisch, komplex und körperlich. Es ist keine Charakterprüfung und kein Test, wie „positiv“ ich denke. In den Leitlinien steht, was in meinem Alltag Sinn ergibt: Erkrankung anerkennen, ernst nehmen, individuell steuern; Druck und starre Steigerungsprogramme sind keine Lösung. Akzeptanz bedeutet in diesem Sinne, mich an die beobachtbare Realität anzuschließen, statt sie mit Willenskraft zu übertönen.

Warum ich das Selbstschuld-Narrativ zurückweise

Der Beginn liegt bei vielen in einem Infekt. Nach Pfeiffer’schem Drüsenfieber (EBV) bleiben manche lange krank, unabhängig davon, wie „vorbildlich“ sie vorher gelebt haben. Ähnliche Verläufe sehen wir nach anderen Infektionen. Das ist Biologie, kein Karma. Dazu kommt bei vielen von uns ein autonomes Nervensystem, das aus der Spur geraten ist: Kreislaufprobleme beim Aufstehen, Reizüberflutung, kognitives Einbrechen, ein Alltag, der unberechenbar antwortet. Das ist kein Mindsetproblem, sondern ein Körper, der Grenzen setzt.

„Aber Lebensstil zählt doch?“ – Ja, und trotzdem

Lebensstil kann bei Krankheiten Risiken modulieren; gleichzeitig tragen Gene, Biologie und Zufall schwer mit. Ein guter Lebensstil kann manches dämpfen, aber er radiert keine Gene aus und heilt kein komplexes postinfektiöses Syndrom. Das Bild ist kompliziert und lässt sich nicht in die Moralformel „falsch gelebt = selbst schuld“ pressen. Für ME/CFS taugt diese Rechnung erst recht nicht.

Warum die Social-Media-Variante von „Akzeptanz“ scheitert

Oft werden Haltung und Ursache verwechselt. Eine hilfreiche Haltung lautet: „Ich ordne mich der Realität unter, um mich zu schützen und handlungsfähig zu bleiben.“ Eine schädliche Kausalgeschichte klingt so: „Ich habe diese Realität verursacht.“ Die erste Haltung bringt Ruhe und Spielraum zurück; die zweite frisst Würde und erzeugt Scham. Ich entscheide mich bewusst für Haltung und gegen Schuld.

Wie das im Alltag aussieht (ohne rosa Filter)

Ich anerkenne die Randbedingungen meines Körpers und plane entsprechend. Das heißt kleine Tagespakete, großzügige Puffer, Reize reduzieren, Aufgaben auslagern. Das mache ich nicht, weil ich aufgebe, sondern weil ich nur so handlungsfähig bleibe. Ich lasse Wut zu, denn sie ist angemessen; sie verhindert, dass Kitsch und spirituell verpacktes Gaslighting in meinen Alltag kriechen. Ich höre auf, mich zu geißeln mit „hätte, müsste, wäre“, und orientiere mich an dem, was heute möglich ist. Mein Kampfgeist richtet sich auf Strukturen, nicht gegen meinen Körper: Vorlagen für Anträge, klare Sätze für Absagen, Angehörige briefen, Reizbudget schützen. Und ich teile Wissen: ME/CFS ist eine körperliche Erkrankung, autonome Störungen sind häufig beteiligt, „mehr pushen“ macht es meist schlimmer – diese drei Sätze gehören in jedes Gespräch.

An alle, die neben uns stehen

Wenn ich früher gehe, nicht antworte oder ein Treffen im Liegen brauche, ist das keine Attitüde und keine Laune. Es ist das Management einer Erkrankung, die mehrere Körpersysteme durcheinanderwirbelt. Ernst genommen zu werden hilft mehr als Ratschläge aus dem Bauchgefühl. Ein kurzer Blick in Leitlinien und seriöse Quellen hilft oft mehr als zehn gut gemeinte Tipps.

An alle, die drinstecken

Du musst deine Krankheit nicht lieben. Du musst sie auch nicht moralisch auf deine Schultern laden. Du darfst sie hassen und trotzdem freundlich mit dir umgehen. Nenn es „präzise Akzeptanz“, wenn du willst: Sie hält uns weg von Selbstverachtung und genauso weg von Selbstillusion.

Schluss, ohne Schleife

Ich bleibe bei meinem ersten Text: Es ist, wie es ist, und es ist „okay“ im funktionalen Sinn. Nicht, weil es schön wäre, sondern weil „okay“ mir erlaubt, klug zu handeln. Heute bedeutet das: einen Termin streichen, eine Pause zusätzlich, ein klarer Satz statt langer Erklärung. Wenn mein Kopf wieder fragt „Warum ich?“, antworte ich mit dem, was wir wissen: Krankheit ist Biologie, keine Moral. Dann atme ich, justiere meinen Plan – und bleibe auf meiner Seite.

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