28. August 2025
#Alttagsgedanken Nr. 3
„Das ist so ungerecht.“
Es passiert oft. Ich erzähle jemandem von meiner Krankheit – ehrlich, vorsichtig, meist gut vorbereitet – und irgendwann kommt er: „Das ist so ungerecht.“
Manchmal ist es als Mitgefühl gemeint. Manchmal als Fassungslosigkeit. Aber oft bleibt er einfach so im Raum stehen, dieser Satz. Und ich weiß nie, was ich darauf antworten soll.
Denn: Was bedeutet das eigentlich, wenn es um Krankheit geht?
Gibt’s da draußen eine höhere Instanz, die Gerechtigkeit verteilt?
Glauben wir wirklich, dass Leben nach einem inneren Punktesystem funktioniert? Dass wer „gut“ ist, auch gesund bleibt? Und dass Krankheit nur die trifft, die „irgendwas falsch gemacht haben“?
Ich frage mich: Wer genau ist denn hier der Richter? Und nach welchem Gesetzbuch wird da geurteilt?
Dieser Gedanke, dass Krankheit irgendwie ungerecht sei, verrät viel über unser gesellschaftliches Denken. Denn wenn etwas ungerecht ist, dann sollte es doch eigentlich wieder gerecht gemacht werden, oder?
Aber wer heilt mich dann? Wer gleicht das aus? Wo ist der Ausgleich für all die verlorene Zeit, die zerplatzten Pläne, die verschwundene Energie? Spoiler: Es gibt ihn nicht.
Krankheit ist kein Strafzettel
Ich habe ME/CFS. Das ist keine Quittung. Kein Denkzettel. Kein Karma.
Es ist eine verdammt beschissene Krankheit, die mich getroffen hat, wie hunderttausende andere auch. Nicht weil wir uns falsch ernährt haben, zu viel gestresst haben, nicht genug Yoga gemacht haben oder das falsche Mindset hatten.
Sondern weil Biologie manchmal einfach unfair ist. Weil unser Körper angreifbar ist. Weil wir keine Maschinen sind. Und weil Dinge im Leben passieren, die niemand versteht – nicht mal die, die sie erforschen.
Recht, Unrecht und das große Bedürfnis nach Kontrolle
Ich glaube, viele Menschen sagen „das ist so ungerecht“, weil sie sich damit selbst beruhigen. Wenn etwas ungerecht ist, dann war es nicht vorhersehbar. Dann kann man es von sich fernhalten. Dann betrifft es nur die anderen.
Denn was wäre die Alternative?
Sich einzugestehen, dass Krankheit jeden treffen kann – jederzeit. Auch dich. Auch deinen Partner. Auch dein Kind.
Und das ist ein viel beängstigenderer Gedanke.
Ich brauche keine Gerechtigkeit. Ich brauche Verständnis.
Ich denke, wenn man über seine Krankheit spricht, will man kein Urteil hören, auch kein mitfühlendes.
Ich brauche keine Bewertungen von außen, die meine Lebensrealität in ein philosophisches Konstrukt von Fairness einordnen.
Ich brauche Aufmerksamkeit. Aufrichtigkeit. Ein einfaches: „Das ist hart. Ich bin da.“ reicht.
Und manchmal denke ich: Vielleicht ist es sogar gut, dass Krankheit keinen Sinn ergibt.
Denn sonst müssten wir anfangen zu glauben, dass sie verdienten Sinn hätte.
Und das wäre das wirklich Ungerechte.
