2. März 2026
Andere Welten
(Gastbeitrag – Silent Member, anonym)
– ich bin nicht immer ganz ehrlich zu mir selbst und auch zu meinen Mitmenschen. Ich bin krank, schon ziemlich lange 15 Jahre und länger– habe ME/CFS, chronische Depressionen, ADHS, Endometriose, Fibromyalgie, schlafe beschissen, habe Rücken und rede kaum noch darüber. Klar könnte ich sagen, ich möchte anderen nicht zur Last fallen, will nicht den Eindruck erwecken, dass ich immer nur am Jammern bin, aber es ist ganz anders: Ich schütze mich! Ja ich schütze mich vor doppeldeutigen Kommentaren, Stigmatisierung, vor negativen Hinterfragungen, vor Anspielungen, eigenartigen Reaktionen, Kränkung, Enttäuschung und Verletzung. Ich mag einfach nicht mehr aufpassen, wem ich was erzählen kann und ich will auch nicht mehr, dass es jeder weiß. Es raubt mir Energie, die ich einfach nicht mehr bereit bin aufzubringen. Mein Thema war die Wut und es hat ganz schön lange gedauert, bis ich es erkannt hatte:
Ich dachte niemals an Wut auf andere, sondern, dass ich eine undefinierbare Wut auf mich selbst hatte, wegen meiner chronischen Erkrankungen, wegen der Dinge, die ich einfach nicht mehr leisten konnte, Selbstmitleid und Hadern mit meinem Pech, Unglück und Schicksal. Ich vermisste einfach mein unbeschwertes, altes Leben, voller Energie, Workaholic und Dauerlauf. Ich wollte es mir aber dennoch immer wieder selbst und anderen beweisen, dass ich trotz Handicap leistungsfähig bin. Ich bin so oft über meine Grenzen gegangen, dann im stillen Kämmerlein zusammengebrochen und in meinen typischen „Freeze“-Zustand verfallen. Crash! Leere – Feierabend!
Aber ich behielt meine offene Art über meine Erkrankungen zu reden, manchmal sogar etwas „Oversharing“ zu betreiben - Es sollte eigentlich Aufklärung bringen und gegen Stigmatisierung helfen. Ich dachte, dass es zum Verständnis und vor allem auch zu Solidarität beiträgt, wenn man zeigt, dass eine Erkrankung nicht die Person definiert. Man hat sie halt. Aber das was ich tat, was ich sagte, wie ich mich verhielt, passte oft nicht in das Schubladendenken der anderen, die ein genaues Bild von Erkrankungen, deren Abläufe, Schweregrade, Leistungsfähigkeit uvm. hatten.
Ich wurde immer seltener gefragt, ob ich Lust hätte, mal auf einen Kaffee zu gehen, zum Schwimmen oder einfach mal nur so auf ein Treffen. Zu oft hatte ich halt einfach absagen müssen, weil es einfach gesundheitlich nicht ging. Irgendwann stellte ich fest, dass ich auch gar nicht mehr gefragt wurde, wie es mir ginge. Es gab zwar noch Telefonate, die allerdings immer einseitiger wurden. Ich war die Zuhörerin, Ratgeberin und Kummerkasten. Kam ich dann doch mal zum Zug, dann erhielt ich spitze Bemerkungen, versteckte Botschaften, kurzes Angebundensein oder pures Gaslighting, wo mir meine Erkrankungen einfach abgesprochen oder kleingeredet wurden. Selbst bei Menschen, die auch an chronischen Erkrankungen litten erlebte ich das. Ich war jedes Mal so ausgelaugt und fühlte mich einfach so unverstanden, übersehen und benutzt.
Ich konnte sehr lange Zeit mit diesem Umstand nicht umgehen, machte aber einfach so weiter. War es Neid, Wut, Gleichgültigkeit was Menschen in eine solche Empathielosigkeit führte? Wohl kaum...
Ich fing an, Fehler bei mir zu suchen, mich zu hinterfragen, mich mit anderen zu vergleichen, unsicher zu sein – bin ich wirklich so krank? Bin ich für meine Mitmenschen lästig, langweilig oder peinlich? Wie verhält man sich denn eigentlich mit bestimmten Diagnosen? Setz ich mich eigentlich genügend mit meinen Erkrankungen auseinander? Geh ich nicht zu den richtigen Ärzten, probier ich zu wenige Medikamente? Warum können andere einfach in den Urlaub fahren oder überhaupt mit dem Auto fahren? Banale Frage: bin ich einfach nur faul?
Ich wurde unsicher, fing an ruhiger zu werden und auch unsichtbarer für andere in meiner Welt – ich ging ja eh schon kaum mehr aus dem Haus, außer zum Einkaufen. In Social Media zeigte ich nur noch die schöne Seite meines Lebens. Mein Garten, mein Essen, meine Ausflüge- hier ein Blümchen, da ein sinniges Zitat. Ehrlich gesagt auch schön für mich zu sehen, dass dieses Leben und diese Welt, diese Momente ja tatsächlich auch existierten, gerade wenn es mir wieder mal nicht gut ging.
Ich musste mich aber der Wut stellen, die ich in mir spürte, die sich gegen mich selbst richtete und so viel Energie fraß, die eh recht knapp bemessen war. Ich erkannte, dass ich für jeden meiner Mitmenschen Empathie, Mitleid und Verständnis aufbringen konnte, nur mir selbst gegenüber verspürte ich anscheinend nur Wut. War das wirklich Wut? Oder war es nicht eher Enttäuschung und Traurigkeit darüber, dass ich doch recht einsam mit meiner Erkrankung bin? Ich habe da ja 2 Welten geschaffen. Es ist die eine Welt, in der mich die allermeisten Menschen sehen - die Welt der toughen Frau, die immer gibt und niemals nimmt. Die neben ihrer Erkrankung vermeintlich Dinge auf die Beine stellt, die ein gesunder Mensch nicht zu leisten vermag, stets ein offenes Ohr und für jedes Problem eine Lösung an der Hand hat. Mein Haus, mein Garten, mein Urlaub! Sie kann ihre Schwächen zwar benennen, aber vorhanden können die doch gar nicht sein, wenn man so krank ist, dachten wohl alle.
Die andere Welt ist im Verborgenen. Es sind die Tage, Wochen in Stille, kein Lebenszeichen, Ruhe, Alleinsein, kein Telefonat, Erschöpfungsendstufe, Einsamkeit, Schlafstörung, Schmerzen, Unruhe, Crash, ewiges Handygedaddel, Netflix&Co, Onlineshopping, Freeze und alles ist einfach zu viel. Nur mein Mann hatte Zugang zu dieser Welt, unser Alltag!
Das konnte aber einfach nicht mehr so weitergehen, also mussten Ehrlichkeit und Klarheit in mein Leben treten. Was nicht heißt, dass dies so einfach war und ist! Jahrzehnte an Konditionierung führen und führten zwangsläufig immer wieder zu Rückfällen, Selbstzweifel, schlechtem Gewissen, Überforderung mit der Folge der Zustandsverschlechterung.
Bestandsaufnahme: Meine Welt fühlt sich grad authentischer an mit Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl, mit Grenzen, mit Gelassenheit. Und ich lasse auch wieder Menschen in diese Welt, wohl dosiert…
Rund 15 Jahre lebe ich nun mit Erkrankungen, die sich chronifiziert haben. Ich vermisse mein altes Leben von davor. Wie wäre es wohl ohne Krankheit weitergegangen? Keine Ahnung, ich kann nicht damit hadern und blicke nicht mehr zurück. Ich versuche ehrlich mit mir selbst zu sein, ich höre in mich, ich nehme meine Erkrankung an. Ich dosiere meine Zeit. Ich ruhe, ich arbeite, bin alleine, ich lebe in den Tag und ich schlafe immer noch schlecht. Ich habe Klarheit darüber, dass jeder Mensch sein Päckchen zu tragen hat und ich es mir nicht aufladen muss, ich muss mir nicht mehr alles anhören, für alles eine Lösung haben. Ich lasse mich nicht mehr hinterfragen, das mache ich wenn schon selbst. Ich freue mich über alle Dinge, die ich mit meinem Mann und meinen mittlerweile erwachsenen Kindern erlebe, ich fühle extrem und manchmal auch gar nichts. Ich koche und esse gerne. Ich fühl mich gut, manchmal getrieben, dann wieder beschissen und ich bin viel zu dick, weine und schreibe ein Buch - nicht über mein Leben. Ich habe Frieden mit meiner verborgenen Welt geschlossen, die ich zum realen Teil meines Lebens gemacht habe. Nicht immer ist es schön zu leben, aber meistens dann doch.
