22. März 2026

Die Angst vor dem Crash und die Wohnungen in meinen Träumen

Früher habe ich wenig geträumt. Heute träume ich jede einzelne Nacht. Immer wieder schreie ich im Traum, dass ich bestimmte Tätigkeiten nicht machen kann. Dass ich das lassen muss.
Dass ich sonst crashen kann.

Und dann crashe ich trotzdem.

Für alle, die neu hier sind: Mit Crash meine ich PENE – Post-Exertional Neuroimmune Exhaustion. Die krankheitstypische Zustandsverschlechterung bei ME/CFS nach Überlastung. Zeitverzögert. Unverhältnismäßig. Nicht „ein bisschen müde“, sondern ein neuroimmuner Absturz.

Im Traum liege ich dann im Crash. Bewegungsunfähig. Schwer. Benommen. Und während ich da liege, passieren völlig absurde Dinge neben meinem Bett. Neulich saß die Band Kraftklub in meinem Bett auf der rechten Seite neben mir und hat Karten gespielt. Ganz leise. Rücksichtsvoll absurd.

Die Szenen die ich da so er-träume sind so schräg, dass selbst David Lynch vermutlich gesagt hätte: Lisa, das ist ein bisschen viel.

Manchmal träume ich im Crash, dass ich träume, was mich alles crashen lassen könnte. Ein Traum im Traum. Endlosschleife Risikoanalyse.

Laut WHOOP dauern diese REM-Phasen teilweise über drei Stunden. Drei Stunden Alarmzustand im Kopf. Ich wache schweißgebadet auf. Puls hoch. Orientierung kurz weg.

Und dann diese Erleichterung: Es war nur ein Traum. Nur. 

Die diffuse Angst

Was bleibt, ist diese diffuse Angst. Was ist der Tropfen zu viel? War das Gespräch gestern schon zu lang? Ist Aufstehen heute riskant? Kommt heute der “Tropfen zuviel”? War das Lachen eben über meiner Grenze?

Diese Angst begleitet alles.

Beim Aufstehen. Auf dem Weg ins Bad. Beim Zähneputzen. Beim Lachen. Es ist kein dramatischer Peak. Keine Panikattacke. Es ist ein leises Dauerrauschen. Sie sitzt bei jeder Mahlzeit mit René und mir am Tisch. Sie sitzt still hinten auf der Rückfahrbank im Auto oder im Zug neben mir. 

Es ist mit weitem Abstand die unangenehmste Angst, die ich bisher kennenlernen durfte.

Es fühlt sich an wie in Harry Potter und die Heilgtümer des Todes: Der Tod, der im Hintergrund lauert. Unsichtbar. Geduldig. Unberechenbar. Du weißt, er ist da. Du weißt nur nicht, wann er zuschlägt. Nur dass es hier kein Märchen ist. Sondern mein eigener Körper.

Was im Körper passiert

Das fühlt sich irrational an. Ist es aber nicht. Bei ME/CFS ist das autonome Nervensystem oft dysreguliert. Das ist also genau das System, das im Körper Puls, Blutdruck und unsere Stressreaktionen steuert. Viele von uns bewegen sich dadurch nicht mehr zwischen „Anspannung“ und „Entspannung“, sondern hängen irgendwo dazwischen fest. Eher zu viel Alarm als zu wenig.

Der Körper scannt permanent: Ist das zu viel? War das gerade zu viel? Kommt gleich die Überlastung? Sind wir in Gefahrt? 

Gleichzeitig funktioniert die Energieproduktion nicht stabil. Belastung wird nicht sauber verarbeitet, sondern kann zeitverzögert zurückkommen – als PENE. Und dieses Zeitversetzte macht es so schwer greifbar. Du bekommst kein klares „Stopp“ im Moment, sondern die Quittung später. Bei mir sind es mittlerweile zuverlässig 48 Stunden zeitversatz. 

Das Gehirn lernt daraus. Nicht bewusst, sondern ziemlich konsequent: Belastung kann gefährlich sein. Und genau das spiegelt sich nachts. Im REM-Schlaf verarbeitet das Gehirn Emotionen und Bedrohungen. Es spielt Szenarien durch, testet Reaktionen, sortiert Erfahrungen. Bei mir sind das keine klassischen Albträume mit Verfolgung oder Sturz.

Es sind Simulationen von Überlastung.

Mein Gehirn versucht herauszufinden, wo die Grenze ist. Was mich crashen könnte. Wie sich „zu viel“ anfühlt. Nur gibt es keine stabile Antwort, weil mein Körper selbst keine stabile Rückmeldung liefert. Und vielleicht hören diese Träume genau deshalb nicht auf.

Die Wohnungen

Und dann sind da in meinen Träumen diese Wohnungen.  Eine ist unsere letzte Wohnung in Hamburg, in der ich schon krank war - nur dass ich es noch nicht wusste. Dort hat sich alles verschoben. Dort habe ich verstanden, dass das kein „Ich bin erschöpft“ ist, sondern irgendwas nicht mehr mit mir stimmt. Wenn ich von dieser Wohnung träume, ist alles schwer. Gedämpft. Fast dokumentarisch.

Aber die anderen Wohnungen stammen aus Zeiten, in denen ich noch gesund war.

Treppen waren einfach Treppen. Duschen war keine Strategie. Lachen war kein Risiko. Und trotzdem liegt im Traum oft schon die Crash-Angst von heute über diesen alten Räumen.

Ich bin dort gesund, aber träume mit dem Bewusstsein von jetzt. ME/CFS legt sich wie eine Folie über meine Vergangenheit.

Und manchmal geht mein Gehirn noch weiter zurück. Wohnungen aus meiner frühesten Kindheit. Räume, an die ich tagsüber fast nie denke. Als würde mein Gehirn mein ganzes Leben durchgehen und prüfen: Wo war Sicherheit? Wo war Kontrolle? Wann hat sich etwas verändert?

Kontrollverlust

Ich glaube das Schwierigste ist nicht die Angst vor dem Crash selbst. Es ist die Unberechenbarkeit davor. Ich pace. Ziemlich streng. Pacing ist die einzige aktuelle Überlebensstrategie. Und trotzdem kann es jeden Tag schiefgehen.

Weil Reize kumulieren. Weil Hormone reinfunken. Weil Infekte alles kippen können. Weil dieses System einfach nicht linear funktioniert. Weil Reize den einen Tag zu viel sein können, die den Tag zuvor nicht zu viel waren. 

Mein Körper fühlt sich manchmal an wie ein Server, der bei 30 Prozent Auslastung überhitzt. Und keiner weiß, welches Hintergrundprogramm gerade alles blockiert. Das erzeugt Wachsamkeit. Und Wachsamkeit schläft nicht einfach ein.

ME/CFS ist nicht psychisch, aber es wirkt auf alles

ME/CFS ist keine psychische Erkrankung. Aber wenn dein Alltag aus permanenter Risikoabwägung besteht, verarbeitet dein Gehirn das nachts weiter. REM-Schlaf ist die Phase intensiver Emotionsverarbeitung. Wenn mein WHOOP mir wieder stundenlange REM-Phasen zeigt, wundert mich das kaum.

Nicht, weil ich „zu ängstlich“ bin. Sondern weil mein Körper real instabil reagieren kann. Angst ist hier die logische Reaktion auf Unberechenbarkeit.

Der Morgen

Wenn ich aufwache, bin ich immer kurz einfach nur erleichtert.

Ich liege nicht in der alten Wohnung. In meinem Bett sitzt keine Indie-Band und spielt leise Skat. Ich bin nicht wieder Kind.

Aber die Fragen bleiben: Wie stabil bin ich heute? Wo ist meine Grenze? Und was ist der Tropfen, der mein System überlasten kann?

Ich habe nicht nur Angst vor dem Crash. Ich habe Angst vor diesem unsichtbaren, stillen Etwas, das nach keinen logischen Regeln zuschlägt. Still und leise sitzt es immer in meinem Nacken. Und lauert.

Und trotzdem stehe ich auf. Gehe ins Bad. Teile meine Energie ein. Mit Pacing. Mit Restangst. Und mit dem Wissen, dass ich nicht verrückt bin, und mir das nicht einbilde. Ich lebe einfach in einem Körper, der unberechenbar geworden ist.

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