5. Dezember 2025

Die Gleichzeitigkeit der Dinge. Oder: wie drei Wochen Heizungschaos meinen Körper an die Wand gefahren haben

Wenn das Leben gleichzeitig weiterläuft und der Körper stehen bleibt

Seit ich Die Gleichzeitigkeit der Dinge von Husch Josten gelesen habe, denke ich oft darüber nach, wie treffend dieser Begriff das Leben mit ME/CFS beschreibt. Bei ihr ist es ein literarisches Motiv: dass Ereignisse, Gefühle und Realitäten nicht sauber nacheinander passieren, sondern gleichzeitig. Dass mehrere Ebenen übereinanderliegen und sich gegenseitig beeinflussen. Bei mir ist dieser Gedanke nicht poetisch, sondern sehr physisch. Mein Alltag besteht aus parallelen Belastungen, die sich gegenseitig verstärken und meinen Körper schneller überfordern, als ich sie überhaupt einordnen kann.

Von außen wirkt vieles banal. Menschen leben weiter, reagieren normal, planen normal. Sie freuen sich über Dinge, die in ihrem Leben passieren, und ich freue mich wirklich für sie. Gleichzeitig sitze ich in meinem Körper, der sich manchmal so anfühlt, als wäre ich angeschossen worden und müsste trotzdem freundlich und klar kommunizieren. Diese Gleichzeitigkeit von Emotion und Körperzustand ist schwer zu transportieren, weil niemand den inneren Lärm sieht, der gleichzeitig abläuft.

In den letzten drei Wochen war das besonders deutlich. Unsere Heizung ist ausgefallen, immer wieder, und jedes Mal auf eine etwas andere Weise. Für gesunde Menschen ist das lästig, klar, aber überschaubar: Man ruft den Monteur an, lässt jemand kommen, unterschreibt etwas, bezahlt vielleicht eine Rechnung und zack – weiter geht’s. Für mich ist es nicht eine Aufgabe, sondern eine Reihe an Anforderungen, die sich gegenseitig hochschaukeln und meinen Zustand massiv verschlechtern.

Kleine Aufgaben werden zu körperlichen Großereignissen

Der Aufwand beginnt schon beim Telefonieren. Dann muss ich erklären, was kaputt ist, durchdenken, wann es zuletzt funktioniert hat, und hoffen, dass mein Gehirn in dem Moment präsent genug ist, um nicht mitten im Satz den Faden zu verlieren. Wenn dann jemand kommt, muss ich runter zur Tür. Dieser Weg, der für andere eine kurze Bewegung ist, ist für mich ein logistischer Akt: Treppen, Kreislauf, Balance, Reizverarbeitung. Ein weiteres Problem daran: wenn ich die Treppe nach unten gehe, dann muss ich den Tag auch unten bleiben. Das Erdgeschoss ist aber logischerweise die Etage in der es am kältesten ist. Also bedeutet das auch, die Treppe muss ich wieder hoch. Währenddessen friert die Wohnung weiter aus, was meinen Körper zusätzlich stresst, weil Kälte für mich kein neutraler Reiz ist. Sie löst Verspannungen aus, verstärkt Muskelschmerzen und macht die Nächte zum Albtraum.

Die Gespräche mit dem Monteur sind anstrengender, als sie sein dürften. Nicht wegen der Person, sondern wegen der Gleichzeitigkeit in meinem Körper. Ich stehe da, antworte auf Fragen, versuche logisch zu bleiben, während sich gleichzeitig Schmerzen, Schwindel, Reizüberflutung und Herzrasen vermischen. Wenn man dann noch miteinander diskutiert, weil ein Fehler mal nur sporadisch auftaucht, wird aus einem normalen Austausch ein Kraftakt, der mich stundenlang aushebelt.

Und weil die Heizung nur kurzzeitig funktionierte und dann wieder ausfiel, begann das Ganze immer wieder von vorne: erneuter Ausfall, erneuter Termin, erneutes Runtergehen, erneute Kälte, erneute körperliche Eskalation. Drei Wochen lang. In dieser Zeit wurde mir körperlich unglaublich deutlich, wie sehr mich solche „normalen“ Probleme fertig machen. Ich schlafe schlechter, weil ich mich zusammenrolle, um nicht zu frieren. Morgens wache ich geräderter auf als am Abend zuvor, weil die Muskeln verkrampft sind und sich meine Beine anfühlen, als wären sie noch mehr aus Beton, als sonst schon. Der Kreislauf ist instabiler, mein Gehirn zäher, meine Toleranz für Reize minimal.

Normale Probleme verschwinden nicht – sie treffen nur härter

Das Missverständnis, das viele Außenstehende haben, ist schnell erklärt: Sie sehen nur das sichtbare Problem – die Heizung ist kaputt, aber ich muss sie ja schließlich nicht selbst reparieren. Stimmt. Aber der Punkt ist, dass diese Dinge trotzdem passieren, dass sie organisiert werden müssen und dass jede kleine Handlung davon Energie kostet, die ich nicht habe. Und dass diese Energie nicht nur fehlt, sondern ihre Abwesenheit unmittelbare körperliche Konsequenzen hat. Alles, was ich für die Heizung tun muss, geht zu hundert Prozent von meinem Energiekonto ab, das ohnehin schon im Minusbereich operiert. Und während ich mich um das Problem kümmere, entsteht gleichzeitig das nächste Problem: Kälte verschlechtert meine Symptome, die verschlechtern meinen Schlaf, der Schlaf verschlechtert meine Erholung, und die fehlende Erholung macht es schwieriger, erneut mit einem Monteur zu sprechen oder überhaupt etwas auf die Reihe zu bekommen.

Das ist die Gleichzeitigkeit der Dinge in meinem Leben: Das Leben hört nicht auf, während ich krank bin. Es stellt mir dieselben Aufgaben wie jedem anderen und erwartet dieselben Reaktionen, während mein Körper in einem völlig anderen Zustand operiert. Ich muss funktionieren, obwohl ich nicht funktioniere. Ich muss mich kümmern, obwohl mein Körper nach Ruhe schreit. Ich muss Entscheidungen treffen, während mein Nervensystem schon damit beschäftigt ist, nicht zusammenzuklappen.

Diese Gleichzeitigkeit ist nicht philosophisch, sie ist anstrengend. Man kann sich für andere freuen und gleichzeitig das Gefühl haben, dass der eigene Körper im Tunnel feststeckt. Man kann eine kaputte Heizung objektiv als kleines Problem einordnen und gleichzeitig spüren, wie sie die nächste PENE-Risiko­welle lostritt. Man kann wissen, dass etwas niemandes Schuld ist, und trotzdem körperlich darunter zusammenfallen. Und man kann verstehen, dass Außenstehende denken „Mensch Lisa, was ist denn das Problem? Du musst es doch nicht reparieren“, und gleichzeitig merken, dass genau diese Art normaler Lebenssituationen bei uns alles aus dem Gleichgewicht bringt.

Am Ende bleibt ein Gefühl, das schwer zu vermitteln ist: Die Welt funktioniert auf ihrer Geschwindigkeit weiter, und mein Körper tut es nicht. Ich existiere zwischen diesen beiden Rhythmen und versuche, nicht komplett dazwischen zerrieben zu werden. Das ist die Realität. Eine Realität aus parallelen Anforderungen, parallelen Symptomen und parallelen Lebenssituationen, die in mir aufeinandertreffen und meinen Körper oft weit über seine Grenzen schieben. Und trotzdem mache ich weiter, Schritt für Schritt, manchmal eher kriechend, aber immer irgendwie vorwärts – weil es keine Pause-Taste gibt, weder für das Leben noch für die Krankheit.

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