31. August 2025

Do it or do it Not #3

Höhen und Tiefen – warum wir wissen, dass es immer weitergeht !

Wie lernt man eigentlich den tollsten Menschen der Welt kennen – den Menschen, mit dem man irgendwann zu einem einzigen Organismus zusammenwächst? Für mich war es Lisa. Seit über 17 Jahren sind wir nun ein Paar, und manchmal fühlt es sich an, als wären wir nicht zwei Menschen, sondern ein gemeinsames System. So unterschiedlich wir anfangs waren, so selbstverständlich sind wir heute eins. Und trotzdem fragen wir uns manchmal: warum sind wir uns so sicher, dass wir alles schaffen können?

Vielleicht liegt es daran, dass unser Leben sich oft wie ein Film anfühlt – eine Mischung aus Teenie-Komödie der frühen 2000er, ein bisschen Feriencamp-Story, abgerundet mit der Emotionalität von My Girl. Denn Lisa ist für mich genau das: mein My Girl.

Kennenlernen – der Moment, der bleibt

Kennengelernt haben wir uns klassisch auf einer Geburtstagsfeier. Wir kannten seit Jahren denselben Freundeskreis, waren uns aber tatsächlich an diesem Abend zum ersten Mal begegnet. Ich sehe diesen Moment noch heute klar vor mir – als wäre er eingebrannt. Ich war damals ein überdrehter Typ, voller Energie, laut, nervig, immer präsent – ADHS in Perfektion, innerlich aber Kurt Cobain zerissen und etwas defekt. Lisa dagegen: ruhig, in sich gekehrt, Indie-Girl durch und durch.

Ihre Ausstrahlung war so besonders, dass sie mich anfangs sogar etwas abschreckte.

Doch manchmal ziehen sich Gegensätze an. Sie war die Musikschülerin, ich der Autodidakt an der Gitarre. Sie die introvertierte Beobachterin, ich der extrovertierte Selbstdarsteller/ -zertsörer. Und doch hatten wir erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Wir entdeckten schnell, dass wir dieselben Bands liebten, oder zumindest die Schnittmenge, während jeder noch seine eigenen Extreme hatte. Am Ende führte das zu einem spannenden, vielseitigen Musikgeschmack, der uns in unzählige Welten entführte.

Es dauerte nicht einmal einen Monat, und wir waren ein Paar. Auch wenn ich damals gewusst hätte, welche Hürden und Tiefen auf uns warten – ich würde keinen Schritt ändern. Denn jeder einzelne hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind: ein Team, das alles schafft.

Erste Stolpersteine – und die Kraft, wieder aufzustehen

Unser gemeinsames Leben begann nicht gerade leicht. Schon früh zogen wir zusammen – oder besser gesagt: ich zog zu Lisa und ihrer Familie. Aus familiären Gründen hatte ich damals kein stabiles Zuhause, und Lisas Eltern nahmen mich ohne Zögern auf. Dafür bin ich ihnen bis heute unendlich dankbar.

Nach ihrem Abitur und meiner Ausbildung entschieden wir uns, nach Dresden zu gehen, damit Lisa studieren konnte. Wir waren damals noch nicht einmal zwei Jahre zusammen, aber für uns stand fest: wir wollen diesen Weg gemeinsam gehen.

Und dann: Bumm. Ein Autounfall. Ich wurde von einem Aurto angefahren, ich verlor fast mein linkes Bein und war fast ein Jahr krank, musste das Laufen neu lernen und verlor noch im Krankenhaus meinen Job. Diese Zeit hat uns extrem herausgefordert – körperlich, psychisch, finanziell. Aber wir haben uns aufgerappelt. 

Gerade als es wieder bergauf ging, der nächste Schlag: Lisas Vater landete nach einem Notfall im Krankenhaus. Auch er hat sich davon nie wieder ganz erholt.

Es war eine Zeit, die uns unglaublich viel Kraft gekostet hat. Lisa musste Vollzeitstudieren, Vollzeitarbeiten und gleichzeitig für ihre Familie da sein. Wir verbrachten viele Stunden im Zug, zwischen Dresden und ihrer Heimat. Rückblickend war das eine Phase, die uns geprägt hat – voller schöner Erinnerungen, aber auch mit einem bitteren Beigeschmack der uns mit Dresden vebindet.

Neustart in Hamburg – und neue Prüfungen

Nach Lisas Studium entschieden wir uns für einen Neuanfang. München oder Hamburg standen zur Wahl – eine Münze sollte entscheiden. Hamburg gewann. Für mich war es eine Art Heimkehr, da ich als Kind viel Zeit dort verbracht hatte.

Die ersten Jahre in Hamburg fühlten sich leichter an. Lisa startete in der Eventbranche richtig durch, während ich noch eine Weile brauchte, um beruflich wieder Fuß zu fassen. Ich jobbte in den unterschiedlichsten Bereichen, half beim Aufbau von Veranstaltungen, schleppte Traversen und Dekoration. In der Szene nannten sie mich irgendwann liebevoll die „Deko-Queen“. Erst nach sechs Jahren fand ich zurück in meinen erlernten Beruf, ich finde aber diese Zeit hat mich geformt und vieles konnte ich in der Zeit verabreiten und auf einen klarren Weg mit mir noch unbekannten Zielen ebnen. 

Aber auch hier blieb uns das Schicksal nicht erspart. Eines Sommers nach einem Event in München, musste Lisa wegen eines angeborenen Klumpfußes operiert werden. Dieser Fuss hatte einfach "Nö" gesagt und brauchte eine Acht Stunden OP, danach eine lange Zeit, in der sie das Laufen neu lernen musste. Und das alles in einer Wohnung im dritten Stock – ohne Fahrstuhl. Es war hart, aber wir haben es geschafft.

Kurz darauf wieder ein Schicksalsschlag: ein Unfall ihrer Mutter. Auch sie erholte sich nie vollständig. 

Corona, Arbeit, Überlastung

Als Corona kam, stand die Eventbranche still. Für viele bedeutete das das Ende – für Lisa und ihren Geschäftspartner war es der Start einer unglaublichen kreativen Phase. Sie entwickelten Ideen, retteten Mitarbeiter, hielten das Unternehmen am Leben. Ich war oft abends dabei, wenn die beiden brainstormten, und half, wo ich konnte.

Doch die Belastung war enorm, druchgearbeitete Nächte und immer dieser Gedanke: schaffen Lisa und ihr Geschäftspartner das durch diese Zeit? Lisas Leistungsfähigkeit nahm immer weiter ab, das war aber auch schon vor Corona merkbar. Sie war ständig krank, erschöpft, hatte Mandelentzündungen. Ich wusste, das war kein Burnout, kein „keine Lust mehr“. Lisa lebte für ihren Job. Aber irgendetwas stimmte nicht.

In dieser Zeit haben auch wir einen Schritt gewagt, den viele während der Pandemie gemacht haben: wir sind raus aus der kleinen Dachbodenwohnung in Hamburg und aufs Land gezogen. Ein wunderschönes Haus mit großem Garten, genug Platz zum Atmen, zum Arbeiten und zum Durchhalten in dieser verrückten Phase. Für uns war das ein echter Befreiungsschlag – und genau zur richtigen Zeit.

Kurz nach dieser Phase kam ein weiterer Einschnitt: Lisas Geschäftspartner erlitt einen schweren familiären Rückschlag und musste sich für eine Zeit zurückziehen. Plötzlich musste Lisa das Ruder allein übernehmen – Projekte, Kunden, Mitarbeiter. Wir beide halfen, wo wir konnten, um ihn durch diese Zeit zu tragen und Lisa nicht ganz allein damit stehen zu lassen.

Alles zurückfahren – und trotzdem ein Ja

Eines Tages bekam sie plötzlich extreme Kopfschmerzen. Dazu ein permanentes, pulsierendes Geräusch im Kopf – wie ein Herzschlag im Ohr. Nach langen Wegen von Arzt zu Arzt, Krankenhaus zu Krankenhaus, von MRT zu MRT und am Ende die Diagnose: eine AV-Malformation im Kopf, vom Ohr bis zur Nasenwurzel. Ein Arzt sagte trocken: „Da kann man jetzt fast einen Smart parken.“ Schwarzer Humor, den wir beide verstehen. Aber uns wurde klar: das ist ernst. Ach nicht vergessen hier kam auch noch Hashimoto dazu, mal so als Nebendiagnosse.

Wir haben fast alles abgesagt: Konzerte, Urlaube, Wochenenden im Ferienhaus. Wir legten unser Leben so gut es ging still, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Gefahr das Lisa einen Schlaganfall bekommt lag so hoch, das wir das sehr ernst genommen haben. Unsere Nachbarn im Ferienhaus halfen uns in dieser Zeit so sehr, dass wir bis heute dankbar sind. Sie kümmerten sich um das Ferienhaus, schickten Fotos, hielten alles am Laufen.

In dieser schweren Phase kam dann der Satz, auf den ich 14 Jahre gewartet hatte: „Wollen wir heiraten?“ Ich hatte Lisa schon nach einem Jahr gefragt, sie meinte damals, wir bräuchten das nicht. Und jetzt, mit diesem ernsten Hintergrund, war es plötzlich klar: Ja. Natürlich Ja.

Und so haben wir vor zwei Jahren still und heimlich geheiratet. Ohne großes Aufsehen, nur wir beide. Nicht, weil wir es brauchten, um unsere Liebe zu beweisen – sondern weil wir wussten, dass wir es ohnehin schon immer gelebt haben: Wir sind füreinander da. Immer.

ME/CFS – Schockstarre und Erleichterung in einem.

Und dann kam in diesem Jahr eine weitere Diagnose, die unser Leben erneut veränderte: ME/CFS. 5 Buchstaben, die sich so unscheinbar anhören, aber die Realität komplett auf den Kopf stellen. Lisas erster großer Chrash war anfanfg diesen Jahres, ich war etwas hilflos, keiner konnte helfen und es wollte gefühlt auch keiner helfen, der Weg bis zu Diagnose, war nur möglich wiel Lisa so verbissen war und es wissen wollte was es ist, weshalb sie so fertig war. Denn der Burnout... oder all die anderen Dinge die uns zu der Zeit gesagt wurden, waren es nicht!

Endlich hatten wir eine Erklärung dafür, warum Lisas Kräfte über Jahre hinweg immer mehr nachgelassen hatten. Warum sie nicht „einfach wieder fit“ wurde, egal wie sehr sie sich bemühte, egal wie oft wir im Urlaub waren. 

ME/CFS ist keine Krankheit, die man mit ein bisschen Ruhe übersteht. Es ist eine chronische Erschöpfung, die so tief greift, dass sie den Alltag bestimmt. Eine Krankheit, die einem manchmal das Gefühl gibt, im eigenen Körper gefangen zu sein.

Natürlich war diese Diagnose ein Schock. Aber gleichzeitig auch eine Erleichterung – endlich wussten wir, womit wir es zu tun haben. Wir konnten aufhören, im Nebel nach Erklärungen zu suchen. Wir konnten anfangen, Wege zu finden, damit zu leben. Gemeinsam.

Natürlich heißt das, vieles neu zu denken: Reisen, Feiern, Spontaneität – all das geht heute nur noch anders. Aber wir haben auch gelernt, uns neu zu organisieren, Prioritäten zu setzen und die kleinen Dinge wieder viel bewusster zu genießen. Und vor allem: Wir haben gelernt, uns noch mehr aufeinander zu verlassen.

Unser Fazit nach 17 Jahren

Wenn ich heute zurückschaue, sehe ich eine Achterbahn. Höhen, Tiefen, Abstürze, Loopings – alles war dabei. Aber wir sind immer wieder aufgestanden. Und jedes Mal sind wir enger zusammengewachsen.

Die Diagnose ME/CFS hat uns erneut gezeigt, dass das Leben nicht planbar ist. Aber sie hat uns auch gezeigt, dass wir gemeinsam stärker sind, als wir manchmal glauben.

Wir schaffen das – nicht, weil es leicht ist. Sondern, weil wir uns haben. Weil wir gelernt haben, nach jedem Rückschlag wieder aufzustehen. Weil wir wissen, dass wir das alles nicht alleine durchstehen müssen.

Was bleibt, ist dieses Wissen: Wir schaffen das. Egal, was kommt. Nicht, weil wir unverwundbar wären. Sondern, weil wir einander haben. Und weil wir gelernt haben, dass es immer weitergeht – Schritt für Schritt, manchmal mit Notanker, manchmal mit Fallschutz. Aber nie alleine.

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