9. November 2025

Ein anderes Leben

Ich habe früher viele Comedy-Podcasts gehört. Diese ganzen Buddytalk-Formate. „Ich war gestern im KaDeWe, weißt du wen ich da getroffen habe?“ – solche Sachen. Und irgendwann konnte ich das nicht mehr hören. Es fühlte sich an, als würde ich meine Zeit verschwenden. Belangloser Lärm. Gesprächsgeräusche ohne Tiefe. Als würde ich außen vor bleiben in einer Welt, die nur funktioniert, wenn man selbst funktioniert.

Seit ich krank bin, hat sich mein Raum für das, was ich hören und ertragen kann, verändert. Ich brauche keine Ablenkung mehr. Ich brauche Menschen, die sich wirklich begegnen. Und so bin ich bei „Wie war dein Tag, Liebling?“ gelandet. Bei Anke Engelke und Kristian Thees. Weil da etwas drin ist, das ich in meinem Leben vermisse: Aufmerksamkeit. Zuhören. Ein echtes Interesse am Gegenüber. Kein Druck. Keine Pose.

Ich höre die beiden oft im Liegen. Wenn mein Körper Ruhe erzwingt. Wenn ein Tag aus wenigen Handgriffen und langen Pausen besteht. Es ist einer der wenigen Momente, in denen ich das Gefühl habe, einfach mit dabei sein zu dürfen, ohne leisten zu müssen.

Vor ein paar Tagen erzählten sie von einer Frau, die schwer an Krebs erkrankt ist. Und dann sagte Anke einen Satz, der mich getroffen hat wie ein klarer Klang in einem Raum, der lange nur gedröhnt hat: „Kristian, wir dürfen nicht sauer sein, dass sie sich nicht gemeldet hat. Wir können uns das nicht vorstellen. So schwer krank. Es ist ein anderes Leben, was man dann führt.“

Und das ist es. Genau das. Ein anderes Leben. Kein vorübergehendes Aussetzen, kein „Wenn ich wieder auf den Beinen bin“. Sondern ein Leben, das sich verschiebt, und mit ihm alles: Zeit, Prioritäten, Beziehungen, Identität. Es ist nicht mehr das Leben davor. Und es wird nicht einfach wieder dahin zurückkehren.

Es hat mich so berührt, dass dieser Satz von jemandem kam, der selbst nicht krank ist. Jemand, der nichts beweisen muss. Keine Haltung vertreten. Kein „Ich kenn da jemanden, der…“ Kein Reparaturversuch. Nur Anerkennung der Realität. Ohne Angst davor.

Ich frage mich oft, warum manche Menschen das sofort verstehen und andere niemals. Warum manche zuhören, ohne zu kommentieren, zu relativieren, zu trösten, zu optimieren. Und warum andere die Unruhe nicht aushalten können und sofort versuchen, die Schwere wegzuwischen. Mit Ratschlägen. Mit Sprüchen. Mit Hoffnung, die sich wie Druck anfühlt.

Ich glaube, der Unterschied ist nicht Wissen. Nicht Erfahrung. Nicht Betroffenheit. Sondern ob jemand es aushält, dass die Welt nicht gerecht ist. Ob jemand bereit ist, einen Moment lang den eigenen Bezugsrahmen loszulassen. Ob jemand zuhören kann, ohne sich selbst im Mittelpunkt zu halten.

Als ich diesen Satz hörte, war da zum ersten Mal seit langem kein Rechtfertigungsdruck in mir. Kein Erklärungsbedarf. Kein Gefühl, mich verteidigen zu müssen. Nur ein stilles: Ja. Genau so ist es.

Es ist ein anderes Leben. Nicht weniger. Nicht verloren. Nicht kaputt.

Einfach anders.

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