14. November 2025
Eine Woche Bauchschmerzen. Und ein System, das selbst krampft.
Samstagmorgen. Rechter Unterbauch. Ein Stechen, das sich anfühlt, als würde jemand von innen mit einem Löffel in mir herumstochern. Dazu Durchfall, Übelkeit, Krämpfe. Ich drehe mich zwei Zentimeter und mein Körper sagt: „Gute Entscheidung, jetzt wird’s richtig lustig.“
Samstagnacht ist es immer schlimmer. Mein Mann sagt: „Ich rufe den Notarzt.“
Ich murmle: „Nein. Montag habe ich den Kontrolltermin bei der Internistin. Schilddrüse, Hashimoto, Knoten. Die ist doch genau dafür da.“
Montag: Ich und das medizinische Paralleluniversum
„Hallo, Sie sind zur Kontrolle der Schilddrüse da.“
Ich nicke, aber hebe die Hand. „Ja, aber ich habe seit Samstag starke Schmerzen im rechten Unterbauch. Blinddarm-Gegend. Könnten Sie bitte auch…?“
Sie unterbricht mich: „Heute nur Schilddrüse. Oder wollen Sie Bauch?“
Dieser Moment, in dem man spürt, dass das System gerade einen kleinen Witz machen will. Ich stehe da mit zwei brennenden Baustellen und soll mich entscheiden wie beim Mittagstisch: Tagesgericht Autoimmun-Entzündung oder Überraschungsoption ‚möglicher Blinddarm‘?
Ich sage: „Wenn ich mich entscheiden muss: Bauch.“
Sie sagt: „Nein. Wir machen Schilddrüse. Sie haben dafür einen Termin. Für den Bauch gehen Sie zum Hausarzt.“
Ich frage, halb verwirrt, halb schon resigniert: „Und was genau soll mein Hausarzt bei einer möglichen Blinddarmentzündung machen?“
Sie: „Eine Überweisung. Zu mir.“
Klar. Erst zu mir, damit ich zu ihr kann, damit sie dann sagt, dass ich ja eigentlich einen Termin bräuchte. Medizinisches Ping-Pong, nur ohne Spaß. Ich frage, wann ich dann bei ihr drankommen würde.
„Keine Ahnung, fragen Sie vorne. Wir behandeln nur nach Termin. Dienstleistervertrag.“
Ich schlucke. Atme. Versuche höflich zu bleiben. „Dann könnten Sie sich mir gegenüber vielleicht auch wie eine Dienstleisterin verhalten?“ Sie lacht. Dieses Lachen, das man normalerweise von Leuten kennt, die auf Konferenzen drei Stunden zu wenig Schlaf hatten und zu viele Menschen gesehen haben.
Dann Ultraschall. Die Schilddrüse: größer. Die Knoten: „heute nicht sichtbar“. Die Entzündung: „noch aktiv“. Ihre Empfehlung: „Sie müssen das in den Griff bekommen.“
Ich frage: „Wie denn bitte? Ich esse seit vier Jahren antientzündlich. Kein Zucker, kein Alkohol, keine Zusatzstoffe. Kosmetik ohne Chemie, Putzmittel ohne alles.“
Sie zuckt: „Dann weiß ich auch nicht. Lesen Sie sich mal ein.“
Dann die Schilddrüsenwerte.
„Die nehmen wir heute nicht. Die aus dem Krankenhaus reichen.“
Ich sage: „Die müssten digital bei Ihnen liegen.“
Sie sagt: „Sehe ich nicht. Da müssen Sie sich kümmern.“ Natürlich. Ich. Wer sonst.
Ich gehe raus. Mein Bauch krampft, mein Kopf glüht, und innerlich schreit etwas: Das kann doch nicht euer Ernst sein.
Draußen Nebel. Drinnen Chaos.
Mein Mann wartet im Auto. Ich steige ein und erzähle. Der Nebel hängt über der Stadt wie ein grauer Schal, und ich fühle mich genauso verwaschen.
„Wir fahren in die Notaufnahme“, sagt er.
Ich schüttele den Kopf. „Nein.“
„Warum nicht?“
Ich weiß es nicht genau. Vielleicht weil ME/CFS nicht nur Energie kostet, sondern auch Nerven. Jede Instanz, jeder Raum, jede neue Person ist wie ein kleines PENE-Bingo. Dazu POTS, das gerne mal spontan Achterbahn fährt, plus die Aussicht auf endlose Fragen, grelles Licht, harte Stühle. Aber ein Blinddarm ist kein Hobbyprojekt. Der wartet nicht.
Ich atme. „Okay. Lass uns fahren.“
Notaufnahme: Willkommen im Absurditätenkabinett
Er setzt mich an der Tür ab, um einen Parkplatz zu suchen. Ich schleiche rein.
„Hallo, ich habe starke Schmerzen rechts im Unterbauch, Verdacht Blinddarm, ich brauche Hilfe.“
Die Dame am Empfang schaut mich an wie jemanden, der gerade nach einem Vegan-Burger im Steakhaus gefragt hat.
„Das ist nichts für die Notaufnahme. Gehen Sie zum Hausarzt.“
Ich blinzele. „Bitte was? Ich habe starke Schmerzen. Rechts. Unterbauch.“
Sie stöhnt. „Ja, habe ich gehört Das ist nichts für die Notaufnahme. Wenn dann müssten wir Sie aber stationär aufnehmen.“
Dann machen Sie doch.
"Karte bitte. Ach, Sie haben eine Privat-Zusatzversicherung. Wollen Sie die Leistungen etwa nutzen?“
Ich: „Kommt drauf an, welche Leistungen es überhaupt gibt.“
Sie seufzt: „Das ist jetzt aber viel Papierkram.“
Später sehe ich, dass es fünf Unterschriften sind. Drei Minuten. Ich habe schon für Click&Collect-Bestellungen mehr Papierkram gehabt.
Dann Triage. Zwei Schwestern, dieselbe Frage, warum ich da bin. Jedes Mal erzähle ich die Geschichte, als wäre ich eine Hotline mit nur einem Script. Der erste Arzt tastet meinen Bauch. „Oh. Könnte tatsächlich eine Appendizitis sein. Wieso kommen Sie erst heute?“
Innerlich klatscht eine Mini-Version von mir ironisch Beifall: Aha. Geht doch. Ich werde weitergeschickt zur Notaufnahme A.
Viszeralchirurgie: „Wir könnten mal reinschauen“
Die Fachärztin macht Ultraschall.
„Rechts sehe ich nichts.“ Sie schwenkt weiter. „Links haben Sie Zysten. Wissen Sie das?“
„Nein.“
„Muss sich der Gynäkologe ansehen. Die haben bessere Technik als wir.“
Okay. Noch ein Termin. Noch ein Organ. Noch ein Fachgebiet. Ich frage mich, wie es sein kann, dass ein Gynäkologe auf dem Land bessere Technik haben kann als ein Klinikum. Dann kommt sie mit einem Satz, der so absurd ist, dass ich fast frage, ob irgendwo eine Kamera läuft:
„Wir könnten natürlich mal reinschauen. Und wenn wir schon aufmachen, nehmen wir den Blinddarm direkt raus.“
Ich hebe den Kopf. „Sie sehen nichts – und wollen trotzdem operieren? Einfach so?“
„Naja. Man könnte ja mal gucken.“
Ich bin nicht in einem DIY-Workshop. Ich frage, ob am Darm etwas Auffälliges ist, vielleicht autoimmun, ich hätte ja schon ein paar Dinge auf der Liste.
Sie sagt: „Keine Ahnung. Das wäre was für die Innere.“
Gut. Dann erst mal Schmerzmittel. Ich erkläre, dass ich mit wegen Tabletten nur Novalgin nehmen darf. Am Wochenende hat es aber nichts gegen die Bauchschmerzen gebracht.
Sie fragt: „Was haben Sie denn für Erkrankungen?“
Interessant, dass das jetzt das erste Mal jemand wissen will.
Ich zähle auf: ME/CFS. POTS. Hashimoto. Stoffwechselstörung, Blutgerinnungsstörung.
„ME was? Wofür ist die Abkürzung?“
Ich beginne zu erklären: „Myalgische Enzephalomyelitis ist eine schwere neuro—“
Sie winkt ab. „Aha. Sie bekommen eh nur Novalgin.“
Alles klar. Dann eben Novalgin, auch wenn ich sagte, dass es nicht hilft gegen die Schmerzen.
Warten. Warten. Und wieder dieses Gefühl von: Ich passe hier nicht rein.
Ich hänge am Tropf. Mein Bauch protestiert. Mein Kopf fährt Achterbahn.
Dann endlich: „Ihre Blutwerte sind gut. Keine Appendizitis. Vielleicht Morbus Crohn oder irgendwas Ähnliches. Die Innere hat aber keinen Platz für Sie, daher entlassen wir Sie. Nehmen Sie bis zu 4 g Novalgin täglich und schauen Sie weiter.“
Ich: „Und was mache ich jetzt?“
Sie: „Fragen Sie Ihren Hausarzt.“
Tür auf. Tür zu. Fertig.
Draußen: dieses typische, schwere Schweigen
Mein Mann sieht mich, und sein Blick sagt alles. Dieses: Bitte nicht schon wieder so ein Gespräch.
Ich sehe gleichzeitig, wie traurig es ihn macht. Diese Ohnmacht. Er erlebt meine Gespräche nie, aber er sieht jedes Mal mein Gesicht danach.
Und dann schafft er es trotzdem, mich für eine Sekunde aus dem Loch zu holen. „Sei froh, dass sie dich rauslassen. Dann schaffst du deinen Physiotermin.“ Sein Humor ist trocken wie Knäckebrot, aber genau das brauche ich manchmal.
Wir treffen draußen einen ehemaligen Kollegen von ihm.
„Blinddarm-Verdacht?“
„Ja.“
„Aber hat sie ja nicht, sonst würdet ihr hier nicht stehen. Also alles gut.“
Mein Mann murmelt: „Anscheinend langfristig.“
Später erzählt mein Mann, dass sein Kollege einen Tumor im Auge hat. Und für eine Millisekunde denke ich: So etwas Handfestes wäre mir lieber. Natürlich stimmt das nicht. Tumor ist Albtraumlevel. Aber dieses ewige Nicht-Zuständig-Sein, dieses Erklärungskarussell, dieses ständige „Da müssen Sie woanders hin“ – das bricht einen irgendwann mehr als der eigentliche Schmerz.
Zuhause: Der Körper tut weh. Die Realität tut mehr weh.
Zuhause auf dem Sofa. Bauch gleich. Schmerz gleich. Novalgin wieder völlig uninteressiert. Ich lese den Arztbrief und schaue mir das Labor an. Fast alle Nährstoffe liegen im unteren Referenzbereich, manche darunter.“ Aha. So sieht also „spitzenmäßig“ aus.
Und ich sitze da und denke nur: Danke. Für nichts. Wieder einmal.
