14. Dezember 2025
Eine Woche mit meiner Schwester Lisa… hat mich als „Laute“ verstummen lassen.
(Gastbeitrag – Loud Member Mercedes)
Ankunft: Ich komme am Abend, nach 400km Fahrt bei Lisa und René an. Meine Schwester empfängt mich freudig. René natürlich auch. Lisa zeigt mir alles, denn ich ziehe für die kommenden 5 Tage bei den beiden, Lou und Bob ein. René bat mich bei ihr zu bleiben, weil er auf Geschäftsreise ist. Er gibt mir eine Einweisung in alle Themen, die ich Lisa abnehmen werde. Wie benutze ich die Kaffeemaschine…. Für Lisa gibt es entkoffeinierten Kaffee. Wo sind die Schmerzmittel, wie hoch ist an welchen Tagen die Dosis, wie mixe ich ihren morgendlichen Shake mit Elektrolyten, [….] den sie tgl. in höherer Dosis braucht. Wie und wann füttere ich die Kater, wo steht Ringo (Lisas Rollator) und welche wichtigen Dinge alles noch zu beachten sind.
Ich liege 22:00 Uhr im Bett und tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf…es fühlt sich nicht so an als wäre ich bei meiner 7 Jahre jüngeren Schwester sondern bei meinen Großeltern.
Tag 1: Lisa ist nicht mehr das blühende Leben, wie sie mich am Abend vorher empfangen hat. Ich stelle fest, dass bei den beiden nicht so viel Deko und andere Dinge herumstehen. Lisa erklärt mir, dass sie nach und nach immer mehr Dekos und Krims Krams wegräumt, weil es für sie zunehmend zu einer schnelleren Reizüberflutungen dadurch kommt. F…
Ich fahre sie zum Osteopathen, der nicht einmal 15 Minuten zu Fuß von ihrem zu Hause entfernt ist. Ein junger Osteopath hat sich ihrer angenommen….Ich bin ihm und jedem Arzt dankbar, der Lisa und alle anderen Betroffenen nicht nur als Fall/Nummer sieht, sondern als Mensch. Als jemand der nach Hilfe und Unterstützung „schreit“.
Sie ist vor dem Termin bereits erschöpft, ich ärgere mich, nicht doch näher herangefahren zu sein…. Nach dem Termin, der 1 Stunde dauert, schlürft sie sichtlich noch erschöpfter zum Auto.
Zu allem kommt noch hinzu, dass die Heizung ausfällt. Unnötige kräftezehrende Gespräche führt Lisa mit dem Heizungsmonteur. Völlig unqualifizierte Fragen werden gestellt, wie „Haben sie schon mal die Heizkörper entlüftet?“
Tag 2: Ich stehe auf und bereite so gut es geht alles für Lisa, Lou und Bob vor. Ich höre keinen Mucks eine Etage über mir. Permanent schießt mir die Frage durch den Kopf: „Wie geht es Lisa?“ Lou ist auch noch nicht aufgekreuzt um nach Essen zu bitten. Das ist kein gutes Zeichen denn immer wenn es Lisa schlecht geht, ist Lou bei ihr. F…
Ich gehe zu ihr und stelle fest, es geht ihr elendig. Sie braucht eine erhöhte Dosis Schmerzmittel, eine kühlende Maske für den Kopf und viel zu trinken…. Welches ich ihr immer wieder nach 1,5 Stunden reichen werde, denn die Kraft, danach zu greifen, es festzuhalten, ist einfach nicht da. Meister Lou bleibt die ganze Zeit über bei ihr…….. Ich würde sie gerne umarmen, doch das bereitet ihr Schmerzen.
Ach ja und die Heizung funktioniert noch immer nicht richtig. Wenn die Heizung im Winter nicht funktioniert ärgern wir Gesunde uns, rufen den Monteur an, ziehen uns derweil wärmer an und vor allem, wir bewegen uns. Eine stille Person hat bei Kälte richtige Anstrengungen zu überwinden. Alle Gelenke und Muskeln ziehen sich zusammen. Wir gesunden können das schnell und ohne Probleme wegstecken. Die Stillen nicht. Umso ärgerlicher ist es, dass der Heizungsmonteur 4 Tage nacheinander kommen muss, um das Problem zu lösen. Ich denke dabei an die Personen, die in solchen Momenten keine Unterstützung haben, allein in einer Eigentumswohnung leben oder generell Alles allein stemmen müssen. WIE verdammt noch mal soll das gehen???
Tag 3: Auf geht’s nach Hamburg. 60 km liegen zwischen ihrer Firma und ihrem zu Hause. Lisa hat ein wichtiges Meeting vor Ort. Wir kommen im Treppenhaus ihres Büros an und warten auf den Fahrstuhl. Wir fahren….. und in der 1-Etage steigen wir aus. Ich schaue, es sind vielleicht 30 Stufen zu steigen. Lisa könnte mit ihren 33 Jahren diese Stufen gehen, doch dann wäre der Rest des Tages Geschichte. Ich halte kurz inne und überspiele meine Betroffenheit. Ehrlich gesagt, ringe ich in dieser Woche des Öfteren mit den Tränen. Bewahre die Fassung, um es Lisa nicht noch schwerer zu machen. Sie braucht mich jetzt!!
Nach knapp 3 Stunden ist ihr Meeting vorüber… Sie gesteht sich erst nach dem 3. Mal nachfragen ein, dass sie dringend nach Hause möchte. „Ich Trottel“ denke ich… Wieso braucht es 3 Anläufe von mir, um eine ehrliche Antwort von Lisa zu bekommen.
Ich möchte Lisa nicht bemuttern oder bevormunden…Und ihr trotz allem ihren Freiraum geben. Es ist ein so schmaler Grat. Wie René sich jeden Tag fühlt???
Tag 4: Lisa hat einen Termin bei ihrer Neurologin in Hamburg. Wir düsen erneut 60 km in die Stadt. Sie hat eine junge Ärztin erwischt, die sich tatsächlich Lisas dicke Krankenakte genau angeschaut hat und sich ihrer richtig annimmt. Sie ist motiviert für Lisa, mit Lisa die extra Meile zu gehen. Sie erhält Tabletten und muss neu eingestellt werden.
Am späten Nachmittag fangen wir gemeinsam an, Plätzchen zu backen. Mit nicht traditionellen Zutaten. Lisa erklärt mir, dass gefühlt jede zweite Zutat bei einem herkömmlichen Vanille Kipferl-Rezept, unverträglich ist und sich negativ auf den Organismus auswirkt und schlimme Folgen haben kann.
Lisa reißt sich sehr zusammen und versucht wie eine gesunde am Backen teilzunehmen. Plötzlich geht sie…. Sie ist erneut völlig geschafft. Die erste Rutsche Plätzchen backe ich fertig, beginne mit dem Kochen und versuche erneut die Fassung zu wahren….meine jüngere Schwester, einst ein Energiebündel mit einen frischen und klugen Kopf, ist ausgeknockt, durch PLÄTZCHEN BACKEN …
Von weit weg gibt mir René immer wieder Tipps. Er Unterstützt mich. Ich frage Lisa immer wieder wie es ihr in dieser oder jener Situation geht oder auch wie fühlt es sich für sie an, die Stufen zu steigen? „Wie kann ich mir deinen Endgegner vorstellen?“ Es müsste einen Anzug geben, wo man nicht nur die Wehen einer Schwangeren nachempfinden kann, sondern auch einen Anzug, wo man nachempfinden kann, wie geht es einer „stillen Person“, die sich jeden Tag durch das Leben quält. Die beiden arbeiten da bereits an einer genialen Idee erzählt mir Lisa.
Am Samstagmorgen fahre ich mit sehr gemischten Gefühlen. Dankbar für die Zeit mit meiner jüngeren Schwester….Traurig, dass wir noch nicht so weit sind, um schneller zu helfen.
