15. Februar 2026
Könntest du bitte…?
Es sind nicht die großen Dinge, die mich manchmal aus dem Gleichgewicht bringen. Nicht die Diagnosen, nicht die Arzttermine, nicht die offensichtlichen Einschränkungen. Es sind die kleinen, beiläufigen Momente. Heute Morgen zum Beispiel, als ich durch die obere Etage gegangen bin und überall Zeug von mir herumlag. Dinge von der letzten Reise, Sachen, die eigentlich nach unten müssten, Wäsche, die gewaschen werden sollte. Nichts Dramatisches. Nichts, was früher auch nur eine Erwähnung wert gewesen wäre.
Der Badmüll ist übervoll. Nicht, weil ich unachtsam bin, sondern weil René mir neue, wirklich schöne Klamotten gekauft hat. Die Verpackung hätte runtergemusst. Hätte. Die Treppe war zu viel. Also blieb der Müll da, wo er war, und ich ging weiter. Mit diesem leisen, unangenehmen Ziehen im Bauch, das sich meldet, wenn etwas eigentlich selbstverständlich sein sollte, es aber nicht mehr ist.
René reißt sich beide Beine aus, damit hier alles funktioniert. Und genau deshalb kommt dann manchmal diese tiefe Traurigkeit. Nicht plötzlich. Sie legt sich eher wie ein schwerer Schleier über alles. Still. Beharrlich. Kaum zu greifen, aber deutlich zu spüren.
Wir wohnen auf drei Etagen. Früher war das keine Erwähnung wert. Treppen waren einfach Teil des Hauses. Heute gibt es Wochen, da halte ich mich am Geländer fest, Schritt für Schritt, konzentriert darauf, nicht zu stolpern, nicht zu schnell zu sein. In manchen dieser Wochen kann ich nicht einmal etwas mitnehmen. Keine Socke. Kein Glas. Kein Stück Papier. Meine Hände bleiben leer, weil mein Körper schon genug zu tun hat.
Und dann sehe ich sie überall, diese kleinen sichtbaren Zeichen davon. Ich habe René vor einiger Zeit gebeten, Bilder umzuhängen. Er hat es natürlich gemacht. Ohne Diskussion. Ohne Zögern. Aber die alten Löcher sind noch da. Früher wäre ich einfach in die Werkstatt gegangen, hätte Spachtelmasse geholt, gestrichen, fertig. Ich hätte die Bilder selbst aufgehängt, die Möbel verschoben, den Raum so lange verändert, bis er sich richtig anfühlt.
Das war mein Ding. Mein großes Ding.
Fast jedes Jahr habe ich mir ein Zimmer ausgesucht und es komplett neu gedacht. Wirklich komplett. Neuer Stil, neue Farben, neue Möbel, neue Anordnung. Ich habe stundenlang auf Kleinanzeigen gesucht, Dinge verkauft, andere gefunden, kombiniert, neu bewertet. Immer mit dem Anspruch, es schön zu machen, stimmig, und dabei so kostengünstig wie möglich. Ein Wohnzimmer war Midcentury, im nächsten Jahr Japandi. Wir hatten Skandi, Industrial, Boho, Shabby Chic. Unser Zuhause hat sich immer wieder neu erfunden. Und ich mit ihm.
Es hat mir Freude gemacht. Diese Mischung aus Kreativität, Planung und Umsetzung. Dieses Gefühl, etwas im Griff zu haben und gleichzeitig etwas Neues entstehen zu lassen. Wenn es zukunftsfähiger gewesen wäre, hätte ich Innenarchitektur studiert. Nicht als großes Karriereziel, sondern als Ergänzung. Nebenberuflich Menschen helfen, die sich schwertun mit Einrichtung. Sag mir dein Budget, sag mir, wer du bist, und ich mache dir dein Zuhause so, dass es zu dir passt. Das war ein stiller Traum, aber ein sehr echter.
Und all das widerspricht meinem Naturell heute genauso wie früher.
Ich bin so groß geworden. „Ein Langrock braucht keine Hilfe.“ Kein besonders kluger Satz, und er hat mir im Leben mehr als einmal Probleme gemacht. Aber er sitzt tief. Ich war immer die, die alleine klarkommt, die erst macht und dann vielleicht merkt, dass es zu viel war. Die nicht fragt, sondern löst.
Über mein Leben hinweg habe ich gelernt, dass Hilfe anzunehmen nichts Schlechtes ist. Dass es nicht schwach macht. Dass es nicht bedeutet, weniger wert zu sein. Das war ein Prozess, aber ich bin da angekommen. Ich kann heute sagen: Ja, es ist okay, sich helfen zu lassen.
Aber es gab Bereiche, in denen ich keine Hilfe brauchte. Und einer davon war genau dieses Möbelding.
Das war mein Spielfeld. Mein Können. Ich wusste, wie schwer ein Schrank ist. Ich wusste, wie man ihn trägt, wie man ihn dreht, ohne den Boden zu ruinieren. Ich wusste, wie man aus wenig Geld viel Raum macht. Da war ich souverän. Sicher. Frei. Und genau deshalb tut es so weh, dass ausgerechnet das jetzt weg ist. Nicht, weil ich Hilfe brauche, sondern weil mir etwas genommen wurde, das immer meins war.
Heute scheitere ich am Weg in die Garage. Und ich hasse das. Nicht ein bisschen. Sondern richtig. Diese Traurigkeit kommt nicht daher, dass ich René um Hilfe bitten muss. Er hilft. Immer. Ohne Zögern, ohne Vorwurf, ohne Augenrollen. Sie kommt daher, dass ich mich selbst dabei ertappe, abzuwägen, ob ich überhaupt fragen darf.
Darf ich wirklich sagen: Könnten wir das Band neu machen? Könntest du die Möbel noch in den Keller tragen?
Während er arbeitet,
für den Verein arbeitet,
mich pflegt,
einkauft,
den Garten macht,
unser Ferienhaus renoviert,
mich zum Lachen bringt,
mir zuhört,
mich fährt,
seinen Sport macht,
sich um Freunde und Familie kümmert,
sich um Bürokratie kümmert,
und nebenbei den Haushalt schmeißt.
Und dann stehe ich innerlich da und denke: Wer glaubst du eigentlich, wer du bist?
Das ist der Teil von Krankheit, über den kaum gesprochen wird. Nicht das Kranksein selbst, sondern dieses ständige innere Abwägen. Dieses Sich-zurücknehmen, um nicht „zu viel“ zu sein. Dieses Gefühl, anmaßend zu wirken, obwohl man einfach nur versucht, den Alltag zu leben.
Ich will nicht zusätzlich sein. Ich will kein weiterer Punkt auf einer ohnehin zu langen Liste sein. Ich will nicht die sein, die immer fragt. Und gleichzeitig trauere ich um die, die ich einmal war. Um die, die anpackt, umsetzt, gestaltet. Um die, die Räume verändert hat, weil sie es konnte.
Heute plane ich oft nur noch im Kopf. Ich sehe, was möglich wäre, während der Körper Grenzen setzt. Manchmal kann ich das akzeptieren. Manchmal funktioniert das. Und manchmal, wie heute Morgen, trifft es mich mit voller Wucht.
Dann stehe ich zwischen übervollem Badmüll und alten Bilderlöchern und merke, dass es hier nicht um Unordnung geht. Es geht um Verlust. Um Fähigkeiten, die nicht mehr da sind. Um ein Selbstbild, das jahrelang getragen hat.
Nicht alles davon wird zurückkommen. Das weiß ich. Und trotzdem darf ich traurig sein. Nicht, weil ich undankbar bin. Nicht, weil René nicht genug tut. Sondern weil ich mich selbst vermisse.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem ich aufhören darf, mich dafür zu schämen. Vielleicht darf diese Traurigkeit da sein, ohne Erklärung, ohne Vergleich, ohne „anderen geht es schlimmer“. Sie gehört zu diesem Leben, auch wenn ich sie mir nie ausgesucht habe.
Und vielleicht ist das Erste, was ich wieder gestalten darf, nicht ein Zimmer. Sondern den Umgang mit mir selbst.
