20. August 2025

Krankheits-Impostor: wenn die Zweifel im Kopf lauter sind als die Fakten

In meinem "alten Leben" als Eventmanagerin hatte ich immer messbare Ziele. Projekte hatten einen klaren Anfang, ein Ende, Budgets, Zeitpläne, Feedback. Ich wusste, woran ich bin und vor allem: Ich konnte jederzeit sehen, ob ich gute Arbeit leiste.
Meist musste ich unter Hochdruck umplanen, manchmal improvisieren, aber es gab immer Zahlen, Teilnehmerlisten, fertige Bühnenbilder, veröffentlichte Presseartikel. Ich konnte sagen: Das habe ich gemacht. Das ist mein Ergebnis.

Genau dieses Gefühl fehlt mir heute. Krankheit hat keine KPIs, keine Budgets, keine sichtbaren Endergebnisse. Es gibt keine Folien, die am Ende des Tages beweisen: „Das war erfolgreich.“

Dabei musste ich letzte Woche an meine Arbeit mit Dr. Jens Weidner denken. Ich habe mehrere Events mit ihm als Speaker geplant – einem der bekanntesten deutschen Kriminologen und Motivationsexperten. Seine Vorträge drehten sich oft um Selbstwahrnehmung, Zweifel und die Frage: Was glaube ich über mich selbst?
Plötzlich hat es in meinem Kopf „Klick“ gemacht:
 Das, was ich im Zusammenhang mit meiner Krankheit oft empfinde, ist im Grunde eine Art Krankheits-Impostor-Syndrom.

Was ist das Impostor-Syndrom überhaupt?
Das klassische Impostor-Syndrom beschreibt das Gefühl, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben und irgendwann „enttarnt“ zu werden. Betroffene glauben, sie seien nicht so kompetent, wie es von außen wirkt. Statt Erfolge anzuerkennen, führen sie diese auf Glück, Zufall oder Hilfe von außen zurück.
Im Beruf entsteht dieses Gefühl oft bei Menschen, die hohe Standards an sich selbst haben, in sehr leistungsorientierten Umfeldern arbeiten oder in Rollen sind, die permanent bewertet werden.

Die Krankheits-Variante: Wenn das eigene Leid nicht „echt genug“ wirkt
Übertragen auf chronische Krankheit, zumindest in meinem Fall, bedeutet das:
 Ich weiß rational, dass ich schwer krank bin. Ich habe Diagnosen, Laborwerte, Messungen, bildgebende Verfahren, auf vielen vielen Seiten von hochkompetenten Ärzten schriftlich dokumentiert. Das sollte doch eigentlich reichen, oder?
Und trotzdem flüstert eine Stimme in meinem Kopf:
 „Vielleicht ist es doch nicht so schlimm.“
 
„Vielleicht hast du dich nur zu sehr geschont.“

„Vielleicht gibt es doch eine schnelle Lösung.“

Woher kommt dieses Gefühl?
Ich habe lange darüber nachgedacht und denke, dass es ist vermutlich eine Mischung aus vielen Faktoren ist:

  1. Täglich schwankende Symptome
: ME/CFS ist nicht linear. Ein Tag, an dem ich ein bisschen mehr kann, lässt sofort den Gedanken aufblitzen: „Vielleicht geht’s ja doch?“ Nur um am nächsten Tag im Crash festzustellen: Nein, das war zu viel.
  2. Das Umfeld und die Tipps: 
Ständig kommen Ratschläge, oft gut gemeint, aber für mich ein Auslöser für Zweifel. „Probier doch mal…“, „Ich hab da was gelesen…“, „Kennst du diese neue Therapie…?“ Diese Tipps suggerieren unterschwellig: Du hast noch nicht alles versucht.
  3. Das gesellschaftliche Weltbild
: Wir leben in einer Zeit, in der wir ins All fliegen, KI Texte schreiben lassen, medizinische Roboter Operationen durchführen und trotzdem gibt es für diese Krankheit weder ein vollständiges Verständnis noch eine Heilung. Das passt für viele nicht zusammen – und meist auch für mich nicht.
  4. Mein beruflicher Hintergrund
: Ich bin es gewohnt, Leistung zu messen. Krankheit hat aber keine klaren KPIs. Es gibt keine wöchentlichen Reportings, keine sichtbaren Endergebnisse. Es gibt nur mein subjektives Erleben und die Berichte von Ärzten.

Wie fühlt sich das an?
Es ist, als würde mein Verstand permanent in einer Art „Zweiklang“ laufen:
    •    Die eine Seite: sieht die Realität, die Laborwerte, die Crashs, die Diagnosen – schwarz auf weiß.
    •    Die andere Seite: flüstert, dass ich mich vielleicht irre, übertreibe oder doch gesünder bin, als ich denke. Das kann verunsichern. Es macht es schwerer, die Krankheit innerlich anzuerkennen und verhindert meist sogar, dass ich mich so gut schütze, wie ich sollte.

  • Wie ich versuche, damit umzugehen
        •    Objektive Daten festhalten
: Meine ärztlichen Messungen, HRV-Daten, Laborberichte sind mein Gegengewicht zu den inneren Zweifeln.
        •    Darüber sprechen
: Mit meinem Mann und anderen Betroffenen. Allein zu hören „Ja, das kenne ich“ entlastet ungemein.
        •    Symptomschwankungen akzeptieren: 
Ein guter Tag ist kein Zeichen von Gesundheit, sondern ein wertvoller Moment im Krankheitsverlauf.
        •    Die Stimme im Kopf einordnen
: Zu verstehen, dass diese Zweifel Teil des Krankheits-Impostors sind, hilft, ihnen weniger Gewicht zu geben.

Fazit
Das Krankheits-Impostor-Syndrom ist für mich kein theoretisches Konzept, sondern eine tägliche Erfahrung. Es schwächt nicht meine Krankheit, aber es beeinflusst, wie ich sie wahrnehme und wie ich mit ihr umgehe.
Naja, vielleicht ist der erste Schritt, es zu benennen, schon Teil der Lösung. Wer weiß das schon. 
 

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