12. September 2025
Leistungssport vs. ME/CFS – was im Körper wirklich passiert
Viele Menschen denken: „Mit ME/CFS ist man halt einfach faul.“
Die Realität ist das Gegenteil. Ein Körper mit ME/CFS läuft im Hintergrund wie bei einem Leistungssportler nach einem Ironman – nur ohne Medaille, ohne Fortschritt, ohne echte Erholung.
Warum ich den Vergleich ziehe
Im Sport sind extreme Reaktionen normal: Puls hoch, Entzündung steigt, Muskeln übersäuern, Energiespeicher leeren sich. Danach folgt Regeneration und der Körper passt sich an, wird stärker.
Bei ME/CFS kippen ähnliche Prozesse schon nach Alltagsdingen wie Duschen, Kochen oder einem Telefonat. Das System reagiert, als hätte ich einen Marathon hinter mir. Der Unterschied: Es gibt keinen Trainingseffekt. Statt Fortschritt gibt es Post-Exertional Neuroimmune Exhaustion (PENE) – also eine Verschlechterung der Symptome, die oft erst 12–72 Stunden später sichtbar wird und Tage bis Wochen anhält.
Was die Forschung zeigt
Der „Tag-2-Test“
Gesunde Sportler können an zwei Tagen hintereinander fast identisch leisten. Bei ME/CFS-Patient:innen bricht die Kurve am zweiten Tag ein – um bis zu 30 %. Das ist messbar bei Belastungstests (CPET) und erklärt, warum ich Mittwoch für Montag zahle.
Sauerstoff, der nicht genutzt wird
In invasiven Studien zeigt sich: Blut mit Sauerstoff kommt zwar in den Muskeln an, aber es wird zu wenig herausgezogen. Manche Betroffene haben zusätzlich ein Problem mit dem venösen Rückstrom. Ergebnis: Schon kleine Belastungen fühlen sich an wie Vollgasfahren mit angezogener Handbremse.
Weniger Blut fürs Gehirn
Bei Belastung im Stehen sinkt die Durchblutung des Gehirns deutlich, auch wenn Puls und Blutdruck noch normal aussehen. Das erklärt meinen Schwindel, die Wortfindungsstörungen, das „Benommenheitsgefühl“. Sitzen hilft etwas, Liegen am meisten.
Energiestoffwechsel im Schlingern
Studien zeigen auch Veränderungen im Metabolismus: Aminosäuren, Lipide, Redox-System. Das passt dazu, dass zwei Menschen mit gleichem Schweregrad so unterschiedlich reagieren.
Wie sich das praktisch anfühlt:
- Duschen = Endspurt: Mein Puls liegt im Liegen bei 72. Sobald ich mich aufsetze, schnellt er auf 125. Früher, mit Ruhepuls 55, wäre ich bei so einem Sprung einfach umgekippt. Heute nennt man das POTS. Und es kostet Energie, noch bevor der Tag angefangen hat.
- Telefonat → Crash: Ein Sportler spürt Laktatbeine direkt nach dem Training. Ich spüre die Folgen eines Telefonats erst 1–2 Tage später – kognitiver Einbruch, Schmerzen, Erschöpfung.
- Stehen vs. Sitzen vs. Liegen: Ein kurzer Plausch im Stehen kann meinen Kreislauf kippen lassen, weil weniger Blut im Gehirn ankommt. Sitzen ist etwas besser, Liegen am stabilsten.
Sport vs. ME/CFS – die Unterschiede
• Sport: Belastung → Erschöpfung → Erholung → Fortschritt
• ME/CFS: Belastung → Erschöpfung → Crash → Verschlechterung
Der Sportkörper lernt aus Stress. Der ME/CFS-Körper zerfällt unter Stress.
Ein Bild, das hilft
Stell dir ein Auto vor, dessen Zündung, Bremse und Tankanzeige gleichzeitig spinnen. Manchmal gibt der Motor Vollgas, wenn du nur leicht aufs Gas tippst. Dann bremst er abrupt, obwohl du rollst. Die Anzeige springt plötzlich auf null, obwohl der Tank noch voll ist. So fährt sich mein Alltag: unberechenbar, energiehungrig – und jeder Versuch „einfach schneller“ zu fahren, endet im Liegenbleiben.
Was das heißt
Für mich bedeutet das: Pacing. Also Belastungen begrenzen, bevor der Crash kommt. Liegen, trinken, Salz, Kompression, Reizmanagement. Nicht, um stärker zu werden, sondern um Stabilität zu halten.
Die Wissenschaft zeigt klar: ME/CFS ist messbar, körperlich, kein Mindset-Problem. Wenn wir es so erklären, verstehen Außenstehende vielleicht endlich, warum Duschen für mich wie ein Endspurt ist – und warum „Reiß dich zusammen“ keine Option ist.
