15. Oktober 2025
„Lerne deine eigene beste Freundin zu werden“
Ich habe diesen Satz in einem Magazin kurz nach meiner M.E.-Diagnose gelesen. Erst fand ich ihn furchtbar kitschig. Was soll das schon bedeuten? Wie soll das funktionieren? Ich habe dann eine Weile darüber nachgedacht und dann hat es Klick gemacht. Denn alles was ich meiner besten Freundin anbieten würde, in dem Moment, wenn sie so eine Diagnose bekommt, würde ich nun auch mir bieten. Denn würde meine beste Freundin mir von der Krankheit erzählen, würde ich da sagen „Mensch reiß dich zusammen und dann geht das schon wieder?“ Nein. Ich würde ihr helfen ihr Leben so zu meistern, dass es irgendwie für sie unter den neuen Bedingungen weiter gehen kann. Und dann wurde der Satz praktisch. Nicht als Selflove-Mantra mit Duftkerze, sondern als Handlungsanweisung für mich, in dieser schwierigen Situation.
Denn mit ME/CFS ist Selbstfürsorge kein Trend, sondern Überlebensstrategie. Freundlich zu mir, aber streng mit meinen Grenzen, in genau dieser Reihenfolge.
Warum „beste Freundin“ und nicht „strenger Coach“?
Weil der „innere Coach“ mich ins Verderben führen würde. Wir sind kulturell darauf programmiert, erst zu leisten und dann zu ruhen. Pausen sind Belohnung, nicht Bedingung. Mit ME/CFS ist es genau umgekehrt: Erholung ist die Grundlage, nicht die Kür.
Der Coach in mir würde sagen: „Komm, das geht schon noch.“
Die beste Freundin in mir sagt: „Nicht, wenn es dich morgen zerstört.“
Dass das kein psychologischer Trick ist, zeigen Belastungstests (2-day CPET). Menschen mit ME/CFS brechen dort am zweiten Tag messbar in der Leistungsfähigkeit ein – weniger Sauerstoffaufnahme, weniger Energieumsatz.
Der „gute Tag“ heute beweist also gar nichts über morgen.
Deshalb plane ich unter meiner gefühlten Grenze. Freundlich, nicht ängstlich.
Auch die Leitlinie NICE NG206 empfiehlt heute klar Energie- und Aktivitätsmanagement statt Steigerungsprogramme. Kein „drück dich durch“, sondern: Klarheit, Pacing, Schutz.
Wie sich das im Alltag zeigt
Meine „beste Freundin“ glaubt mir – immer und sofort. Keine inneren Diskussionen mehr, ob es mir gerade „schlimm genug“ geht für eine Pause. Wenn mein Körper „zu viel“ meldet, dann stimmt das.
Sie plant für mein Zukunfts-Ich mit. So verplane ich nur noch maximal 60 % meiner aktuell verfügbaren Energie, der Rest bleibt leer, als Schutzpuffer. Denn PENE kommt oft zeitversetzt, und mein Morgen-Ich soll mich nicht ausbaden müssen.
Sie schützt mich vor sozialem Druck. Ich sage früher ab, gehe früher, bleibe kürzer. Mein Standardsatz: „Ich gehe jetzt, damit ich morgen noch sprechen kann.“ Das ist keine Entschuldigung. Es ist Verantwortung.
Damit wir uns nicht missverstehen. Erholung bedeutet mit M.E. nicht Kerzen, Tee und Podcasts. Sie bedeutet Dunkelheit, Ruhe, Liegen. Unspektakulär, aber effektiv.
Und Meine beste Freundin arbeitet mit meinem Körper, nicht gegen ihn. Viele mit ME/CFS haben POTS, so wie ich auch, oder andere Formen orthostatischer Intoleranz. Stehen kostet Kraft, Liegen spart sie. Also: Beine hoch, Reize runter, Positionswechsel. Kein „faul sein“, sondern Durchblutungsmanagement.
Sie akzeptiert, dass Stabilität das Ziel ist und nicht Leistungssteigerung.
Denn auch Studien zeigen: Wer innerhalb seiner Energiehülle bleibt, hat weniger Crashs, weniger Symptomspitzen. Keine Heilung, aber weniger Chaos.
Das gesellschaftliche Problem
Wir leben in einer Welt, die Pausen optimiert. Eisbaden gilt als stark, weil es nach Leistung klingt. Mittagsschlaf ist verdächtig. Selfcare bekommt Applaus, wenn sie die Produktivität von morgen steigert.
Für chronisch Kranke ist das absurd. Erholung ist keine Investition. Sie ist Bedingung. Jetzt.
Was sich innerlich verändert
Früher war mein Selbstwert unter anderem auch gekoppelt an Leistung. Heute frage ich: Behandle ich mich würdevoll?
Würde ist nicht messbar und gilt auch an Tagen, an denen bei mir gar nichts mehr geht.
Ich musste auch lernen, Scham loszulassen. Scham entsteht, wenn das alte Skript „sei schnell, sei da“ gegen die Realität prallt. Neue Sätze helfen mir:
Nicht mehr „Ich enttäusche“, sondern „Ich begrenze, damit ich bleibe.“
Trauer gehört auch dazu.
Meine beste Freundin trauert um Versionen von mir, die gerade nicht existieren. Das ist keine Schwäche, sondern seelische Hygiene. Sie verhindert, dass ich mich selbst anfange kleinrede oder zu denken „na, so schlimm wird es nicht sein“
Bleiben statt leisten
„Lern deine eigene beste Freundin zu werden“ heißt für mich also vor allem: Ich bleibe konsequent auf meiner Seite. Nicht, um mehr zu schaffen, sondern um zu bleiben.
Natürlich vermisse ich mein altes Tempo. Überhaupt keine Frage. Ich vermisse das Gefühl von „gleich wieder da“.
Heute bin ich nicht „gleich“. Aber ich bin noch da. Dafür langsamer, klarer und ehrlicher. Und das ist so auch okay.
