9. März 2026

Mein Spirit Animal ist ein Eichhörnchen

Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich ziemlich sicher ein Eichhörnchen.

Nicht dieses niedliche Waldtier aus Kinderbüchern.
Sondern das echte. Das hektische. Das mit den Backen voller Nüsse, das gleichzeitig drei Dinge macht und schon die nächste Idee hat, während andere noch überlegen, wo sie ihre Jacke hingelegt haben.

Mein Grundmodus war lange: 400 %.

Nicht im Sinne von „engagiert“. Sondern im Sinne von: Ich mache einfach mehr. Mehr Projekte. Mehr Aufgaben. Mehr Tempo. Und ehrlich gesagt fühlte sich das für mich immer ziemlich normal an.

Das Eichhörnchen-Prinzip

Eichhörnchen wirken manchmal chaotisch. Aber ihr Verhalten ist erstaunlich durchdacht. Ein paar Eigenschaften sind ziemlich beeindruckend:

  1. Sie legen Vorräte an. Eichhörnchen verstecken tausende Nüsse und Samen für später. Ein Teil wird wiedergefunden, ein Teil nicht. Letzteres sorgt übrigens dafür, dass neue Bäume wachsen.
  2. Sie haben ein gutes räumliches Gedächtnis. Sie merken sich Gebiete, Muster und Verstecke.
  3. Sie sind unglaublich schnell. Sie bewegen sich durch komplexe Umgebungen mit einer Geschwindigkeit und Wendigkeit, die ziemlich beeindruckend ist.
  4. Sie passen sich ständig an. Wenn etwas nicht funktioniert, probieren sie etwas anderes.
  5. Und sie arbeiten viel. Nicht im Sinne von Stress. Sondern im Sinne von Aktivität.

Wenn ich ehrlich bin, erkenne ich mich in ziemlich vielen dieser Eigenschaften wieder. Mein Gehirn funktioniert ähnlich. Ich habe schon immer gerne Dinge organisiert. Prozesse verbessert. Abläufe optimiert. Systeme gebaut. Wenn ich gemerkt habe, dass etwas ineffizient läuft, hat mich das fast körperlich gestört. Dann habe ich so lange daran geschraubt, bis es besser lief. 
In vielen Jobs bedeutete das ganz praktisch: Ich habe morgens vor dem ersten Kaffee mehr erledigt als andere bis zum Mittag.

Warum? Keine Ahnung. Ich war schon immer gut im Zeitmanagement. Und sehr gut darin, Muster zu erkennen: Wenn ich etwas mehrfach machen muss, baue ich mir eine Abkürzung.

„Wie schaffst du das alles?“

Diese Frage bekomme ich tatsächlich oft. Vor allem von anderen Menschen mit ME/CFS. Sie sehen Dinge wie: den Verein, meine Ausbildung zur Heilpraktikerin, Teilzeitarbeit, Arzttermine, Organisation, Krankheit managen

Und dann kommt fast immer die gleiche Frage: „Wie schaffst du das alles?“

Die ehrliche Antwort ist: Ich mache längst nicht mehr 400 %. Wenn ich realistisch bin, liege ich vielleicht bei 30 % von dem, was früher möglich war. Aber hier kommt der Punkt: 30 % von 400 sind immer noch mehr als 30 % von 100.

Mein Ausgangsniveau war einfach sehr sehr hoch und der Großteil dieser Fähigkeiten ist noch da.

Effizienz statt Energie

Ich habe heute viel weniger Energie. Also muss ich extrem effizient mit der Energie umgehen, die noch da ist.

Das bedeutet: Ich perfektioniere Arbeitsabläufe. So wie ich es schon immer gemacht habe. Wenn ich merke, dass ich eine Aufgabe immer wieder mache, frage ich mich automatisch: Kann ich das automatisieren? Kann ich das vereinfachen? Kann ich das auslagern? Kann das jemand für mich erledigen? Kann ich mir Arbeit sparen?

Dann entstehen Dinge wie: Excel-Makros, Automatisierungen in Outlook, KI, die mir Vorarbeit abnimmt oder Strukturen erstellt. Alles, was ich nicht jedes Mal neu denken muss, spart Energie. Und Energie ist bei ME/CFS eine extrem begrenzte Ressource.

Struktur spart Energie

Ein weiterer Punkt ist Struktur. Ich habe feste Zeiten. Feste Zeiten für Arbeit. Feste Zeiten für Schule. Feste Zeiten für organisatorische Dinge. Nicht, weil ich besonders diszipliniert sein will. Sondern weil mein Gehirn weniger Energie verbraucht, wenn Dinge planbar sind und dann auch weiß wie ich mit meiner Energie haushalten kann. Ich plane ewig im Vorraus. Bei der Arbeit vergebe ich nur noch Timeslots, an die sich alle strikt halten müssen. Jede Entscheidung kostet Energie. Wenn Abläufe gleich bleiben, brauche ich weniger davon.

Eichhörnchen ruhen auch

Und jetzt kommt ein Punkt, der beim Eichhörnchen-Vergleich oft vergessen wird. Eichhörnchen sind zwar unglaublich aktiv.
Aber sie ruhen auch viel. Sie halten keinen klassischen Winterschlaf wie manche andere Tiere. Sie gehen eher in eine Winterruhe.

Das bedeutet: Sie ziehen sich zurück, schlafen viel mehr, reduzieren Aktivität und leben von ihren Vorräten. Sie kommen zwischendurch raus, bewegen sich kurz, und ziehen sich dann wieder zurück. Eigentlich ist das ziemlich nah an dem, was viele Menschen mit ME/CFS versuchen müssen: Energie sehr vorsichtig einsetzen.

Urlaub gehört auch dazu

Und bevor jetzt wieder jemand denkt oder sagt: “Siehst du. Deshalb hast du ME/CFS bekommen.“ Nein. Das ist kompletter Quatsch. Ich war kein Workaholic im Sinne von: Ich arbeite im Urlaub weiter. Ich mache nie Pause. Ich funktioniere nur. Ich habe Urlaub gemacht. Ich hatte Wochenenden. Und ich konnte auch komplett abschalten.

Ja, im Urlaub haben wir uns oft viel angeschaut. Städte, Landschaften, Dinge entdecken. Aber Erholung bedeutet nicht automatisch: zwei Wochen bewegungslos auf einer Sonnenliege im Luxusresort liegen. Für manche Menschen ist Aktivität auch Teil von Erholung. Neues sehen. Draußen sein. Unterwegs sein. Das eine schließt das andere nicht aus.

Das Eichhörnchen im kleineren Wald

Ich denke ich bin ich immer noch ein Eichhörnchen. Nur eines mit deutlich kleinerem Aktionsradius.

Früher war der ganze Wald mein Spielfeld. Heute ist es eher ein kleiner Bereich. Heute bin ich vielleicht eher das Eichhörnchen was bei uns im Garten auf 1.000 Quadratmetern lebt.

Aber ein paar Dinge sind geblieben: Die Neugier. Der Drang, Dinge zu organisieren und zu erledigen. Die Freude daran, Systeme zu bauen, die funktionieren. Früher habe ich 400 % gemacht. Heute vielleicht 30 %.

Aber mein inneres Eichhörnchen versucht immer noch, aus diesen 30 % möglichst viele Nüsse zu sammeln.

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