30. September 2025
Nahrungsergänzungsmittel und ME/CFS: Zwischen Hoffnung und Risiko
Wenn man mit ME/CFS lebt, landet man früher oder später bei der Frage: Welche Nahrungsergänzungsmittel können helfen? Vitamine, Mineralien, Coenzyme, Pflanzenstoffe – die Listen in Foren und Selbsthilfegruppen sind endlos. Fast jede:r hat Tipps: Magnesium gegen Muskelkrämpfe, Vitamin D gegen Fatigue, Ashwagandha gegen Stress, Melatonin für besseren Schlaf.
Ich selbst habe einen langen Umweg gemacht, bevor ich eine klare Haltung dazu entwickeln konnte.
Mein Weg in die NEM-Bubble
Bevor ich die finale Diagnose ME/CFS bekam, wurde bei mir Hashimoto festgestellt. Eigentlich hatte man nach der Ursache meiner heftigen Kopfschmerzen gesucht, die sich später als AV-Malformation herausstellten. Beim Ultraschall fiel der Blick nebenbei auf die Schilddrüse. Befund: Hashimoto und viele Knoten.
Die Ärzte dachten: Aha, das erklärt wohl das ganze Chaos. Bzw. dachten Sie ab sofort eher, dass ich „nur“ Hashimoto hätte und komplett übertreibe mit meinen Schmerzen, Kognitiven Problemen sowie der kompletten Erschöpfung.
Meine Schilddrüse produziert trotz geschädigtem Gewebe bis heute genug Hormone. Und mir war schnell klar: Wenn alle Menschen mit Hashimoto solche diffusen Schmerzen und komplette Ausfallerscheinungen hätten wie ich, dann wäre das längst ein gesellschaftliches Großthema. Also suchte ich weiter.
Ich stellte meine Ernährung um und rutschte in die Hashimoto-Bubble. Und dort sind Nahrungsergänzungsmittel fast Religion. Für die Haut, gegen Brain Fog, für die Schilddrüse, gegen Gewichtszunahme. Zu jedem Symptom gibt es ein Präparat. Ich probierte vieles. Das Ergebnis: Ich wurde kränker.
Heute weiß ich: Mit einem ME/CFS-Körper kann man sich auch mit vermeintlich harmlosen Präparaten massiv überlasten.
Warum NEMs bei ME/CFS kritisch sein können
- Verzweiflung treibt den Markt: Alle Betroffenen, die ich kenne, landen irgendwann bei Nahrungsergänzungsmitteln. Die Verzweiflung ist so groß, dass man hofft, irgendwo eine Lösung zu finden. In Selbsthilfegruppen habe ich oft erlebt, wie stundenlang darüber diskutiert wird, ob Hersteller A bessere Präparate macht als Hersteller B. Manche hoffen, dass es nur an der Marke liegt, wenn sich keine Linderung zeigt. Die harte Wahrheit ist: Das liegt nicht an der Qualität der Präparate. Es liegt daran, dass ME/CFS eine Krankheit aus der Hölle ist. Wenn Vitamin D allein alles lösen könnte, wäre ME/CFS schon lange nicht mehr unheilbar.
- Stoffwechsel-Besonderheiten: Bei ME/CFS ist der Energiestoffwechsel gestört. Studien zeigen: Mitochondrien schalten bei Belastung auf Notbetrieb, ATP-Produktion bricht ab (Davis et al., PNAS 2021). Selbst wenn genug Vitamine oder Mineralstoffe im Blut nachweisbar sind, heißt das nicht, dass sie in den Zellen ankommen oder dort verarbeitet werden können.
- Individuelle Unterschiede: Viele Betroffene haben zusätzliche Stoffwechsel- oder genetische Besonderheiten. Bei mir ist HPU/KPU (Hämopyrrollaktamurie/Kryptopyrrolurie) nachgewiesen. Ene Stoffwechselstörung, bei der der Körper bestimmte Mikronährstoffe nicht richtig verwerten kann. Da kann man schlucken, was man will – es verpufft oder überlastet. Mein Humangenetiker vermutet bei mir noch weitere genetische Stoffwechselerkrankungen.
- Überdosierung und paradoxe Effekte: „Viel hilft viel“ funktioniert nicht. Hochdosiertes Magnesium kann Durchfall und Kreislaufprobleme machen. Melatonin kann bei manchen den Schlafrhythmus massiv durcheinanderbringen. Vitaminpräparate können Wechselwirkungen mit Medikamenten haben. Es gibt Fallberichte von Betroffenen, die durch unkontrollierte NEM-Einnahme Crashes ausgelöst haben.
- Die Kapseln selbst sind eine Belastung: Was oft vergessen wird: Auch die reine Menge an Kapseln kann ein Problem sein. Jede Kapsel muss vom Verdauungssystem verarbeitet werden. Zusätzlich zur ohnehin eingeschränkten Energie. Wenn man zehn Präparate am Tag nimmt, ist das nicht nur ein logistisches Problem, sondern auch eine Belastung für Magen, Darm und Leber.
- Studienlage: Die Forschung zu NEMs bei ME/CFS ist dünn. Einzelne Studien zeigen leichte Effekte, z. B. bei Coenzym Q10 oder NADH (Castro-Marrero et al., Antioxid Redox Signal 2015), aber Ergebnisse sind uneinheitlich und oft von geringer Qualität. Für die meisten Präparate gibt es keine solide Evidenz. Was bleibt, sind individuelle Erfahrungen und die schwanken extrem.
Mein Umgang heute
Ich werde oft gefragt: „Was nimmst du?“
Meine Antwort: Nur das, was bei mir nachweislich im Mangel ist. Aktuell sind das:
- Q10
- Essentielle Aminosäuren
- Vitamin B und D
- Omega-3-Fettsäuren
Mehr nicht.
Und: Ich fange immer nur mit einem Präparat neu an. Dann beobachte ich zwei Wochen lang, was passiert. Ich führe Buch: Wird es besser? Schlechter? Gar kein Unterschied?
Das macht den Prozess extrem zäh. Wenn ich drei neue Präparate gleichzeitig nehme und es verändert sich etwas, besser oder schlechter, habe ich keine Ahnung, welches davon die Ursache ist. Deshalb dauert alles ewig. Aber es ist der einzige Weg, den ich für sinnvoll halte.
Was ich daraus gelernt habe
Nahrungsergänzungsmittel können bei ME/CFS eine Rolle spielen. Aber sie sind kein Wundermittel. Für mich gilt:
- Nur bei nachgewiesenem Mangel.
- Immer nur ein Präparat neu starten.
- Effekte dokumentieren.
- Keine „Kapsel-Cocktails“ ohne klare Grundlage.
Und: Wir sollten uns bewusst machen, warum so viele von uns sich an NEMs klammern. Es ist die pure Verzweiflung. Die Hoffnung, dass irgendwo in einer Kapsel die Rettung steckt. Aber das Problem ist nicht die falsche Marke oder das falsche Präparat. Das Problem ist die Krankheit selbst: eine neuroimmunologische Multisystemerkrankung, die uns täglich an die Grenzen bringt.
Wenn es so einfach wäre wie „Vitamin D gegen die chronischen Schmerzen“, dann wäre ME/CFS nicht mehr unheilbar.
