17. Januar 2026
„Wie geht es dir?“ Eine Anleitung für die schwierigste Frage aus Lisas und Renés Sicht
„Wie geht es dir?“ Zwei Perspektiven. Eine Krankheit ohne einfache Antworten.
Warum diese Frage mehr Schaden anrichten kann, als man denkt
Egal, in welcher Beziehung du zu einem chronisch kranken Menschen stehst: Wenn du fragst, bringst du immer auch dich selbst mit in den Raum. Deine Unsicherheit. Deine Hilflosigkeit. Deinen Wunsch nach Ordnung, Erklärung, Lösung.
Bei ME/CFS ist genau das das Problem.
Diese Krankheit folgt keinem sauberen Verlauf. Es gibt keine eine Antwort. Kein „heute schlecht, morgen besser“. Kein klares Davor und Danach.
Wenn ich mir das Bein breche, tut es weh. Sehr. Dann wird gegipst oder operiert. Ich bekomme Schmerzmittel. Die helfen. Wenn sie nicht reichen, nimmt man mehr.
Wenn jemand eine Chemotherapie macht, weiß man: Jeder Tag ist die Hölle. Aber es gibt ein klares Warum.
Bei ME/CFS schwanken wir zwischen 0 und 100 Prozent – an ein und demselben Tag. Es gibt Trigger, die unseren Zustand innerhalb von Sekunden verschlechtern können. Manche kennen wir. Viele nicht einmal selbst.
Stell dir kein kaputtes Bauteil an einem Auto vor. Stell dir ein komplett kaputtes System vor. Nicht Motorschaden – dann läuft nichts mehr. Sondern Elektrik. Plötzlich gehen Warnleuchten an.
Die Tür lässt sich nicht mehr öffnen.
Die Anzeige spinnt.
Dann läuft alles wieder. Kurz.
Und dann wieder nicht.
Nur dass wir nicht einfach in die Werkstatt können. Und permanent kurz vor dem Totalausfall laufen.
Wenn du in so ein System deine eigenen Ängste, Hoffnungen oder Ungeduld hineinprojizierst, verschärfst du die Situation – für euch beide.
Diese Anleitung soll helfen, genau das zu vermeiden.
Lisas Perspektive
Teil 1: Warum „Wie geht es dir?“ für mich keine harmlose Frage ist
Für mich ist „Wie geht es dir?“ kein beiläufiger Gesprächseinstieg. Diese Frage ist jedes Mal eine innere Abwägung, die schneller passiert, als man sie von außen sehen kann: Sage ich, wie es mir wirklich geht, oder entscheide ich mich dafür, meinen Gespräspartner und mich zu schützen – vor der Wahrheit, vor der Schwere, vor einer Antwort, die vielleicht mehr ist, als man gerade hören möchte.
Denn egal, wie ich antworte, es kostet Energie. Die ehrliche Antwort kostet mich Kraft, weil sie erklärungsbedürftig ist und selten einfach stehen bleiben darf. Das Beschönigen kostet Kraft, weil ich mich innerlich verbiege und etwas glatter darstelle, als es sich anfühlt. Und das Ausweichen kostet Kraft, weil es bedeutet, etwas zurückzuhalten, das ohnehin schon ständig präsent ist.
Ich lebe mit Symptomen, die sich nicht abschalten lassen, mit einer Energie, die rationiert werden muss, und mit einem Körper, der mich täglich ausbremst – auch dann, wenn man es mir von außen nicht ansieht. Diese Realität hängt an jeder Antwort, die ich gebe. Deshalb ist nicht nur entscheidend, dass du fragst, sondern wer du für mich bist und welchen Raum deine Frage tatsächlich lässt.
Teil 2: Wie ich unterscheide – je nachdem, mit wem ich spreche
Ich spreche nicht mit allen Menschen gleich offen über meinen Zustand. Nicht, weil ich unehrlich sein möchte, sondern weil Ehrlichkeit Schutz braucht und Nähe nicht automatisch bedeutet, dass jemand alles tragen kann oder will.
Bei sehr nahen Menschen – meinem Partner, meiner Familie, wenigen engen Freund:innen – darf es unfertig sein. Hier kann ich sagen, dass ich selbst noch nicht genau weiß, wie es mir geht, dass sich Symptome überlagern, dass Dinge schwanken und nicht linear verlaufen. Fragen wie „Wie geht es dir heute wirklich?“ oder „Wie ist dein Energielevel gerade?“ helfen mir, weil sie nicht auf ein Ergebnis zielen, sondern auf ein Einordnen.
Was ich hier brauche, sind Pausen, echtes Zuhören und das Aushalten von Unsicherheit. Sätze wie „Aber gestern ging es dir doch besser“ oder „Du warst doch kurz draußen“ fühlen sich an wie eine Rechtfertigungspflicht und genau das ist oft anstrengender als die Symptome selbst. Denn mache ich mir selber Vorwürfe, dass ich irgendetwas getan habe, um meinen Zustand wieder zu verschlechtern, usw.
Bei guten Freund:innen mit regelmäßigem, aber nicht engem Kontakt hilft mir Struktur. Eine Frage wie
„Willst du eine kurze oder eine ehrliche Antwort?“
oder
„Wie geht es dir im Vergleich zur letzten Zeit?“
gibt mir die Möglichkeit, meine Energie einzuschätzen, bevor ich spreche. Nicht jede Antwort ist hier eine Einladung zur Diskussion. Manchmal ist sie einfach Information. Ein „Danke, dass du mir das sagst“ reicht.
Im beruflichen Umfeld bin ich deutlich zurückhaltender. Nicht aus Distanz, sondern aus Selbstschutz. Hilfreich sind Sätze wie
„Schön, dich zu sehen – kein Druck zu antworten“
oder
„Sag gern nur so viel, wie für dich passt“.
Was hier schnell zu viel wird, sind Detailfragen, Bewertungen oder Aufmunterungssprüche. Ich brauche nichts repariert. Respekt reicht.
In flüchtigen Begegnungen ist „Wie geht’s?“ oft keine gute Frage. Wenn kein Raum für eine echte Antwort da ist, ist es ehrlicher, einfach „Schön, dich zu sehen“ zu sagen oder ein Lächeln stehen zu lassen.
Renés Perspektive
Teil 1: Was mich am Anfang verunsichert hat – und warum
Am Anfang hat mich verunsichert, dass keine Antwort eindeutig war.
„Es geht.“
Heißt alles oder nichts.
Ich habe versucht, Muster zu erkennen.
Gab es aber nicht.
Ich habe Lisa gefragt:
„Geht’s dir besser?“
Aus Hoffnung.
Aus Angst.
Aus dem Wunsch nach Orientierung.
Heute weiß ich:
Diese Frage hat oft mehr mit mir zu tun gehabt als mit Lisa.
Ich wollte Planung.
Sicherheit.
Irgendeinen Halt.
Und habe nicht gemerkt, dass ich damit bei ihr massiven Druck erzeuge.
Teil 2: Wie ich heute frage – und was das verändert
Ich frage heute anders.
Nicht vorsichtiger.
Sondern klarer.
Ich frage Lisa nicht allgemein.
Ich frage konkret.
Zum Beispiel:
„Wie voll ist dein Akku gerade?“
„Was hat dich heute am meisten Energie gekostet?“
"Gibt es heute etwas, das wir unbedingt lassen sollten?“
"Brauchst du etwas von oben?"
Diese Fragen wollen keine gute Nachricht.
Sie wollen Orientierung.
Ich habe gelernt:
Nicht jede Antwort braucht eine Lösung.
Manchmal braucht sie nur Konsequenzen.
Pläne ändern und Tempo rausnehmen.
Wie ich mit anderen Betroffenen spreche
Wenn ich andere ME-Betroffene treffe, gehe ich noch behutsamer vor.
Ich frage nicht voraussetzungsvoll.
Ich biete Wahlmöglichkeiten.
Zum Beispiel:
„Willst du gerade darüber sprechen oder lieber nicht?“
„Soll ich eher zuhören oder das Thema wechseln?“
„Was ist heute für dich machbar – und was eher nicht?“
Ich entscheide nicht, wie offen jemand sein sollte.
Ich überlasse die Kontrolle der betroffenen Person.
Teil 2: Was ich gelernt habe?
ME/CFS ist kein Problem, das man versteht und dann einfach lösen kann.
Es ist ein, wahrscheinlich dauerhafter, Zustand, den man ernst nimmt.
Ich kann nichts reparieren.
Ich kann nichts beschleunigen.
Ich kann keine Sicherheit erzwingen.
Aber ich kann meine Fragen so stellen und Worte so wählen, dass sie nicht zusätzlich belasten.
Klare Tipps für Außenstehende
Wenn du unsicher bist, wie du fragen sollst:
❌ Vermeide Fragen, wie:
„Geht’s dir besser?“
„Aber gestern ging es doch.“
„Hast du schon alles probiert?“
✅ Frag stattdessen:
„Wie ist dein Energielevel gerade?“
„Möchtest du kurz oder ehrlich antworten?“
„Sag gern nur so viel, wie für dich passt.“
„Ich höre zu – ohne Lösungen.“
Und ganz wichtig: Wenn du fragst, rechne mit jeder Antwort. Auch mit keiner, oder einer die dich treffen wird, weil sie nicht "gut" ist. Aber dann versuch das für dich danach zu sortieren und nicht sofort an der Erkrankten Person auszulassen. Sei stark in dem Moment, so wie die betroffene Person es jeden Tag sein muss.
