2. November 2025
Spitzensport, M.E. und die Frage, wie viel ein Mensch aushalten kann
Mein Mann brachte mir letztens in Dresden das Buddy Mag mit. Auf dem Titel: Rick Zabel, mit dem Satz:
„Ich habe in meiner Zeit als Profisportler und im Nachwuchsbereich so oft den inneren Schweinehund besiegt, dass ich müde davon bin.“
Ich lachte müde. Denn ich saß um zehn Uhr morgens in einem Café in Dresden, wartete auf mein Essen und auf eines unserer Vereinsmitglieder und hatte den inneren Schweinehund bis dahin schon mindestens zehnmal besiegt:
Beim Aufstehen.
Beim Gang ins Bad.
Beim Versuch, wieder vom WC aufzustehen.
Beim Schminken.
Beim Anziehen.
Beim Gedanken: „Nicht einfach liegen bleiben, die Schmerzen sind zu viel.“
Beim Weg zum Café.
Beim Hinsetzen auf einen Barhocker, von dem ich nicht wusste, wie lange ich ihn ertragen würde, denn sitzen ohne Lehne erfordert eine Menge Körperspannung und die Kraft dafür habe ich aktuell nicht.
Beim Bleiben, obwohl die Musik zu laut war.
Beim Versuch, zu essen, obwohl der Tisch zu hoch war und meine Arme kaum mitmachten.
Ich saß da und dachte: Würde jemand ein Interview über meinen Schweinehund führen wollen?
„Die roten Bereiche“
Im Interview las ich dann: „Ich liebe Sport immer noch, aber wenn es in diese tiefroten Bereiche geht, in denen man auch mental stark sein muss – zu denen habe ich einen gesunden Abstand gewonnen.“
Diese roten Bereiche sind für Sportler das, was Stärke definiert: der kontrollierte Schmerz, das bewusste Überschreiten der Grenze, das Trainieren der Disziplin. Sie sind kurz, intensiv, kalkuliert. Und sie enden.
Was ist, wenn die rote Zone nie endet?
Für Menschen mit ME/CFS existiert keine Abgrenzung zwischen Belastung und Erholung. Die rote Zone ist kein Moment. Sie ist ein Zustand. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.
Der Körper läuft im Dauer-Alarm. Das Nervensystem bleibt auf Anschlag. Selbst Ruhe ist Anstrengung.
Und genau darin liegt das Paradoxon: Man muss mental aus Titan sein, um diesen Zustand überhaupt auszuhalten, aber man darf keine Energie darauf verwenden, ihn aktiv zu bekämpfen.
Jede Emotion, jeder Gedanke zu viel kann das fragile Gleichgewicht kippen.
Das ist kein „Kampfgeist“. Das ist Überleben im Ausnahmezustand.
Der Unterschied: Vorbereitung
Ein Spitzensportler trainiert über Jahre, um Schmerz, Entbehrung und Erschöpfung auszuhalten. Er lernt, sie zu kontrollieren. Er lernt, sie einzuordnen. Er hat Werkzeuge, Routinen, Erholungsphasen. Menschen um sich, die immer wissen was zu tun ist.
Ein Mensch mit ME/CFS bekommt keine Vorbereitung.
Er wacht eines Tages in einem Körper auf, der nicht mehr funktioniert und muss sofort mindestens dieselbe mentale Disziplin entwickeln, die Profisportler über Jahrzehnte aufbauen. Nur ohne Trainer. Ohne Pause. Ohne Applaus. Mit Verlusten. Gegen ein System, was nicht unterstützt. Niemand um sich, der ihm sagen kann, was zu tun ist.
Biologisch gesehen: zwei Extreme
Spitzensport und ME/CFS sind beides Grenzzustände, aber sie beruhen auf gegensätzlichen Mechanismen.
- Beim Sportler arbeitet das System adaptiv: Mitochondrien steigern ATP, das Nervensystem reguliert flexibel, Cortisol bleibt rhythmisch.
- Bei ME/CFS ist das System dysreguliert: Mitochondrien produzieren zu wenig ATP, das autonome Nervensystem bleibt im Dauerstress, Neuroinflammation blockiert Erholun, Cortisol fällt zu früh ab.
Was für Sportler Wachstum bedeutet, führt bei ME-Patienten zum Zusammenbruch.
Mentale Stärke ohne Möglichkeit zur Regeneration
Im Sport ist mentale Stärke planbar. Sie wird trainiert, kanalisiert, dosiert. Bei ME/CFS ist sie das Gegenteil: ein ständiger Drahtseilakt zwischen Disziplin und Selbsterhaltung. Zu viel Wille und du verschlechterst dich. Zu wenig Wille und du verlierst dich selbst. Man lebt in einem Körper, der jede Form von Ehrgeiz bestraft, aber gleichzeitig jede Form von Aufgeben nicht zulässt. Das ist kein Mindset. Das ist ein biologisches Paradox.
Gesellschaftlich gesehen
Die Gesellschaft feiert, wenn Sportler über ihre Grenzen gehen. Aber wir haben kein Bild dafür, wenn jemand unterhalb seiner Grenzen überlebt. Ein Sportler, der trotz Schmerzen ins Ziel läuft, bekommt Applaus. Ein Kranker, der sich trotz Schmerzen duscht, bekommt Zweifel.
Beides ist mentale Stärke. Nur dass der eine dafür Medaillen bekommt und der andere Isolation.
Und ich frage mich: Wie sollen wir mit ME-Betroffene also damit umgehen, wenn wir solche Zitate lesen? Wenn wir wissen, was es heißt, Tag und Nacht in der roten Zone zu leben. Mental aus Titan, körperlich aus Glas und trotzdem weiterzumachen?
